In Dillenburg wird 1533 in der Festung der Grafen von Nassau ein Kind geboren, das als Wilhelm der Schweiger zum Vater des niederländischen Aufstands wird. Von der Feste ließ die Zeit die in den Fels getriebenen Kasematten und die Renaissance-Mauern; der Turm, der heute die Stadt überragt, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Unter der Erde künden die Artilleriegänge noch von der Kriegskunst der Religionskriege.
Was man sehen sollte
Was man in Dillenburg sehen muss, ist kein Prunkbau, sondern eine militärische Maschine. Schon in den 1520er Jahren verwandeln die Grafen von Nassau-Dillenburg den alten Platz in ein festes Schloss, gebaut, um der Pulverartillerie standzuhalten. Auf dem Schlossberg liest man noch die hohe Mauer, zwischen 1523 und 1536 zur Stadt hin unter dem Werkmeister Ulrich von Ansbach errichtet, und die Reste der Verteidigungswerke, darunter das große Rondell der Südseite.
Das eindrucksvollste Stück liegt unter der Erde: die Kasematten, ein Netz aus Schieß- und Verbindungsgängen, im 16. Jahrhundert in den Fels getrieben und heute teilweise begehbar. Dort spürt man die Dicke des Steins, den Hall der Gewölbe, die kühle, rationale Anlage einer Renaissancebefestigung, in der der Krieg Sache der Ingenieure geworden ist. Auf dem oberen Plateau erhebt sich der Wilhelmsturm — doch er stammt nicht aus jener Zeit: ein Denkmal des 19. Jahrhunderts (1872-1875), zum Gedächtnis des Hauses Nassau-Oranien auf dem Platz des einstigen oberen Hofes errichtet. Die Renaissancesubstanz liegt in den Mauern und im Untergrund.
Geschichte
Der schon im 12. Jahrhundert befestigte Ort wird Sitz der Linie Nassau-Dillenburg. Im 16. Jahrhundert führt die Familie hier zwei Vorhaben zugleich: ein militärisches, indem sie Dillenburg zur modernen Festung macht; ein dynastisches, denn hier wird am 24. April 1533 Wilhelm von Nassau geboren, der 1544 das Fürstentum Oranien erbt und zum Haupt des niederländischen Aufstands gegen Philipp II. von Spanien wird. Dillenburg bleibt die deutsche Rückendeckung dieses Kampfes: Hier wirbt man Truppen, birgt die Familie, ersinnt die Strategie. Das Haus Nassau-Oranien, auf diesem Felsen entstanden, wird später das niederländische Königshaus stellen.
Das Schloss bewahrte das Gedächtnis des Geschlechts: acht 1531 in Brüssel gewirkte Tapisserien entfalteten hier die Genealogie der Nassauer. Diese Pracht ging 1760 verloren: Im Siebenjährigen Krieg brennen französische Truppen das Schloss nieder und zerstören die Wohnbauten; 1768 werden die Festungsaufbauten geschleift. Von der großen gräflichen Residenz bleiben nur die steinernen Gerüste — Mauern und Kasematten — und die Erinnerung. Im 19. Jahrhundert errichtet der Staat den Wilhelmsturm als Denkmal, und der Ort wird Besuchs- und Gedächtnisstätte des Hauses Oranien.
Symbole und Geheimnisse
Dillenburg ist der Ort eines Widerspruchs: eine fürstliche Wiege, die ihren Palast verloren hat. Was hier zählt, ist keine Fassade, sondern eine Abstammung — die eines kleinen deutschen Grafenhauses, das durch Wilhelm von Oranien zu einer der großen Dynastien Europas wurde. Die Kasematten zeigen das andere Gesicht des 16. Jahrhunderts: das Zeitalter der Religionskriege, in dem der gelehrte Fürst auch Feldhauptmann ist und das Schloss zur Festung wird. Der nackte Stein der unterirdischen Gänge ist die wahre Kulisse dieser Epoche, mehr als jeder Prunksaal.
Warum dieser Ort zählt
Weil man in Dillenburg den Umbruch des 16. Jahrhunderts mit Händen greift: die Geburt einer Dynastie, die auf die ganze europäische Geschichte wirken wird, und die Verwandlung des Schlosses in eine Kriegsmaschine. Was erhalten ist — Mauern, Rondell, Kasematten — ist keine Kulisse, sondern die Struktur der Macht der Renaissance selbst: verteidigen, dauern, weitergeben. Hier beginnt die Geschichte des Hauses Oranien, und dieser Anfang gibt dem Felsen von Dillenburg sein Gewicht.

