In der lutherischen Pfarrkirche Marburgs, hoch am Schloss gelegen, liest sich die Renaissance nicht in den gotischen Mauern, sondern in dem, was sie bergen: ein gemeißeltes Grabmal, eine Ausstattung aus neuem Stein unter alten Gewölben. Als Pfarrei der zur Reformation übergetretenen Stadt rückt St. Marien das Wort und das bürgerliche Grab in die Mitte ihres Raums. Das Auge sucht zwischen den Pfeilern die Hand des 16. Jahrhunderts.
Was man sehen sollte
Die Kirche ist zuerst eine Silhouette: eine dreischiffige gotische Hallenkirche, in Bauphasen vom 13. bis zum 15. Jahrhundert errichtet, überragt von einem Turm mit verdrehter hölzerner Haube (1473), so kennzeichnend geneigt, dass sie der ganzen Oberstadt als Merkzeichen dient. Das Interesse für die Renaissance aber liegt im Inneren, im Chor. Dort steht das Grabmal des Landgrafen Ludwig IV. von Hessen-Marburg und seiner Gemahlin Hedwig von Württemberg, 1590 vom Bildhauer Gerhard Wolff begonnen: ein Monument aus Sandstein, Marmor und Alabaster, von mausoleumsartiger Tiefe, als steinernes Triptychon gegliedert, in dem liegende Figuren und Säulen eine wahre Prunkkulisse bilden.
Dieses Grabmal steht nicht allein: Die Kirche bewahrt weitere Epitaphe und Denkmäler, einen Altar der späten Renaissance, einen Taufstein, Wappen. Um 1604 wurde der Ostseite sogar ein kleiner Renaissanceanbau hinzugefügt. Es ist also eine gotische Kirche, von der Renaissance bewohnt: Die Schale ist alt, doch Ausstattung und Grabmäler sprechen die Sprache des ausgehenden 16. Jahrhunderts, jene der großen fürstlichen Grabdenkmäler.
Geschichte
St. Marien ist die Stadtpfarrkirche der Oberstadt Marburgs, aus einem romanischen Bau hervorgegangen und gotisch neu errichtet: Chor am Ende des 13. Jahrhunderts geweiht, dreischiffige Halle im 14. vollendet, mächtiger Westturm 1473 mit seiner geneigten Haube gekrönt. In der Reformation wird Marburg protestantisch, und St. Marien die lutherische Kirche der Stadt — im Gegensatz, später, zur reformierten Universitätskirche, als das Land Hessen im 17. Jahrhundert den Calvinismus annimmt.
Entscheidend für unsere Geschichte ist die Verlegung der fürstlichen Grablege. Bis ins 16. Jahrhundert wurden die Landgrafen von Hessen im Landgrafenchor der Elisabethkirche bestattet. Als diese Grablege nicht mehr die ihre ist, verlegt das landgräfliche Haus seine Bestattungen auf die Stadtpfarrkirche. So nimmt St. Marien ab 1590 das große Grabmal Ludwigs IV., Landgrafen von Hessen-Marburg, und seiner Gemahlin auf. Der gotische Bau wird damit zum Gefäß einer ganz neuen Grabkunst, jener der Spätrenaissance, mit ihren kostbaren Materialien und ihrer Inszenierung.
Symbole und Geheimnisse
Das Geheimnis von St. Marien ist eine Verschiebung: eine Dynastie, die ihre Grablege wechselt und eine gewandelte Grabkunst mit sich trägt. Die mittelalterlichen Liegefiguren der Elisabethkirche sprachen von Gebet und Auferstehungshoffnung; das Grabmal Ludwigs IV. aber zeigt Rang, Geschlecht, irdischen Ruhm in Marmor und Alabaster. Man geht von einer Kunst des Glaubens zu einer Kunst des fürstlichen Gedächtnisses über. Was die verdrehte Turmhaube betrifft, so hat sich die Sage ihrer bemächtigt, doch sie ist zuerst ein Zimmermannszufall, der zum Zeichen wurde: die berühmteste Unvollkommenheit Marburgs.
Warum dieser Ort zählt
Weil St. Marien zeigt, wie sich die Renaissance in einer gotischen Kirche einrichtet: nicht indem sie sie umbaut, sondern indem sie sie mit ihren Grabmälern und ihrer Ausstattung bewohnt. Als neue Grablege der Landgrafen von Hessen nach der Elisabethkirche bewahrt sie in ihrem Chor das große Monument Ludwigs IV., einen der schönen Zeugen der Grabkunst des späten 16. Jahrhunderts in Hessen. Unter ihrem geneigten Turm liest sich in situ ein ganzes Kapitel der dynastischen und religiösen Geschichte Marburgs.

