Über einer Schleife der Lahn lässt der Graf von Nassau-Weilburg zwischen 1545 und 1590 den Renaissance-Kern seiner Residenz errichten: das Hochschloss, regelmäßiger Hof und geordnete Flügel. Ringsum wird später der große barocke Ausbau kommen — doch das Herz des Schlosses stammt aus jenem Jahrhundert. Man liest darin den gemessenen Ehrgeiz eines gräflichen Hauses, das fürstlich sein will.
Was man sehen sollte
Das Schloss ist ein geschichteter Organismus, und die älteste Schicht gilt es zu lesen. In der Mitte liegt das Hochschloss, zwischen 1545 und 1590 für Graf Philipp III. von Nassau-Weilburg um einen unregelmäßigen Vierflügelhof errichtet. Hier liegt die Renaissancesubstanz: die Flügel, die Galerien, der enge Schlosshof, in dem man heute Konzerte gibt. Dieser Hof ist das plastische Herz des Ortes — ein geschlossener Raum, gegliedert von Fenstern und Steinwerk, in dem sich das Maß der Renaissance auf eine bescheidene, doch ehrgeizige Grafenresidenz anwendet.
Um diesen Kern hat das 18. Jahrhundert eine weite Barockanlage gelegt (Hauptbauzeit 1701-1721, unter Graf Johann Ernst, Architekt Julius Ludwig Rothweil): neue Flügel, Kirche, Orangerie, Terrassengärten über der Lahn. Wichtig ist, beides zu unterscheiden: Der Barock hat die Renaissance nicht ersetzt, er hat sie umhüllt. Beim Gang durch das Schloss wechselt man so von einem Jahrhundert zum anderen — und im Hof des Hochschlosses, eng und hoch, findet man das 16. Jahrhundert wieder, während der Rest schon das 18. besingt.
Geschichte
Weilburg ist seit dem Mittelalter ein fester Punkt an der Lahn, dann Residenz einer Linie des Hauses Nassau. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts beschließt Graf Philipp III., hier eine standesgemäße Residenz zu bauen: Von 1545 bis 1590 entsteht das Renaissance-Hochschloss um seinen Vierflügelhof. Es ist die Zeit, in der sich die kleinen Grafenhäuser des Reiches, von der Reformation und vom neuen, aus Italien kommenden Geschmack ergriffen, regelmäßige, geordnete, lesbare Wohnbauten geben — Machtmanifeste im Maßstab eines kleinen Staates.
Anderthalb Jahrhunderte später wird Weilburg Hauptstadt eines vergrößerten Fürstentums, und Graf Johann Ernst von Nassau-Weilburg lässt das alte Schloss von einer einheitlichen Barockanlage umhüllen (1701-1721), dem Architekten Julius Ludwig Rothweil anvertraut: Die Neubauten fügen sich dem Renaissancekern zu einem einzigen Komplex. Im 18. und 19. Jahrhundert kommen Schlosskirche, Terrassengärten und Orangerie hinzu. Heute von der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessens betreut, lässt sich Weilburg wie ein Architekturbuch lesen, in dem jedes Jahrhundert seine Seite hinterlassen hat — die älteste, die Renaissance, aber bleibt vollkommen lesbar.
Symbole und Geheimnisse
Der Hof des Hochschlosses verkündet den Ehrgeiz eines kleinen Hauses: dem eigenen Rang eine regelmäßige, geordnete, moderne Form zu geben. Im 16. Jahrhundert „italienisch" zu bauen — ausgerichtete Fenster, Galerien, Symmetrie — heißt zu zeigen, dass man zum Reigen der gelehrten Fürsten gehört. Das Geheimnis Weilburgs liegt in dieser glücklichen Kontinuität: Anders als in so vielen Schlössern, wo der Barock die Renaissance niedergerissen hat, haben sich hier die Jahrhunderte überlagert, ohne sich auszulöschen. Der Kern des 16. Jahrhunderts hat überlebt, weil man ihn lieber kleidete als niederlegte.
Warum dieser Ort zählt
Weil Weilburg einen der besterhaltenen Renaissancekerne Hessens bewahrt, und weil es zeigt, wie sich ein kleines Grafenhaus des Reiches schon im 16. Jahrhundert eine seinen Ansprüchen angemessene Residenz gab. Es ist ein Ort, an dem man die deutsche Renaissance nicht als Stil eines Königshofes versteht, sondern als Ehrgeiz einer ganzen Welt bescheidener Fürsten, auf Ordnung und Rang bedacht — und an dem dieses Erbe, statt ausgelöscht zu werden, weitergegeben wurde.

