In Hannover wurde die rotbacksteinerne Marktkirche, hohe Hallenkirche der norddeutschen Gotik, im 16. Jahrhundert zum Herz der städtischen Reformation; sie bewahrt Renaissance-Monumente zwischen ihren Pfeilern. Unter den Terrakotta-Gewölben hat sich das Neue ins Alte geschoben: Epitaphien, Portale, Inschriften. Der Bau bleibt das geistliche Wahrzeichen einer Hauptstadt, die damals nur eine Residenzstadt war.
Was man sehen sollte
Die Marktkirche ist zuerst ein Meisterwerk des Backsteins: das südlichste Beispiel der großen Kirchen der norddeutschen Backsteingotik, eine dreischiffige Halle, überragt von einem 97 Meter hohen Turm, Wahrzeichen der ganzen Stadt. Im Chor ist der Flügelaltar zu sehen, um 1480 geschnitzt, der in einundzwanzig Szenen die Passion Christi aus Lindenholz entfaltet: ein Werk der Spätgotik, an der Schwelle unserer Periode, im Zweiten Weltkrieg ausgelagert und 1952 zurückgekehrt.
Dem 16. Jahrhundert gehören vor allem die Bronzetaufe (um 1500) und die Epitaphe an den Innen- und Außenwänden an: Gräber und Gedächtnismale von Honoratioren des 16. und 17. Jahrhunderts, Galerie des hansischen Bürgertums. Hier wurde im Chor der Reformator Antonius Corvinus († 1553) beigesetzt; sein ursprüngliches Epitaph ging jedoch bei einer Restaurierung des 19. Jahrhunderts verloren und ist nicht zu suchen. Zu sehen sind also der spätgotische Altar, die Taufe und die Grabdenkmäler, die das Gedächtnis der reformierten Stadt bezeugen.
Geschichte
Die Marktkirche ist die Pfarrkirche der Altstadt Hannovers, im 14. Jahrhundert aus Backstein erbaut. Im 16. Jahrhundert nimmt die Stadt die Reformation an: Der Reformator Urbanus Rhegius führt sie in den Jahren 1533-1536 ein. Die zentrale Gestalt der regionalen Reformation ist jedoch Antonius Corvinus (1501-1553), Reformator des Calenberger Landes, um seines Glaubens willen gefangen gesetzt und im Chor der Marktkirche beigesetzt: So ist die Kirche mit dem Gedächtnis eines der großen lutherischen Akteure des Nordens verbunden.
Der Passionsaltar (um 1480) und die Bronzetaufe (um 1500) gehen der Reformation knapp voraus; die Epitaphe sammeln sich dann über das ganze 16. und 17. Jahrhundert. Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, dann von 1946 bis 1952 vom Architekten Dieter Oesterlen wiederaufgebaut; der ausgelagerte Altar wurde 1952 wieder aufgestellt. Die Marktkirche bleibt heute die Hauptkirche der Altstadt und ein hoher Ort des protestantischen Gedächtnisses Hannovers.
Symbole und Geheimnisse
Die Marktkirche bezeugt den Umschwung von einer spätmittelalterlichen Kirche zum reformierten Glauben. Der Altar von 1480 mit seinen einundzwanzig Passionsszenen gehört noch der bildhaften Frömmigkeit der Gotik an; doch in derselben Kirche setzt sich eine Generation später die Reformation durch, und Corvinus wird hier begraben. Das Geheimnis des Ortes liegt in dieser Beständigkeit des Gebäudes über den Bruch des Kultes hinweg: Der Backstein blieb, der Altar blieb, während sich der Sinn des Ortes wandelte. Die Epitaphe schreiben in den Stein das Gedächtnis eines nunmehr protestantischen Bürgertums ein, stolz auf seine Toten und seine Stadt.
Warum dieser Ort zählt
Weil die Marktkirche Hannover an einem einzigen Ort die beiden Seiten der Wende des 16. Jahrhunderts vereint: einen spätgotischen Altar (um 1480), eine Taufe und Epitaphe, die den Übergang zur Reformation begleiten, deren regionaler Herd sie mit Corvinus war. Als südlichstes Beispiel der großen norddeutschen Backsteinarchitektur ergänzt sie das Gebiet um das Gesicht einer protestantischen Territorialhauptstadt. Man unterscheidet dort klar die Spätgotik (Altar) von dem, was das 16. Jahrhundert hinzufügte (Taufe, Denkmäler, Gedächtnis der Reformation).

