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Renaissance in Deutschland

Biblisches Haus

Görlitz

Biblisches Haus

Halten Sie auf der Neißstraße inne und blicken Sie auf: Die Fassade ist eine aufgeschlagene Bibel. Für den Vorübergehenden, der nicht lesen kann, erzählen zwei Reliefbänder das ganze Heil — oben das Neue Testament, von der Verkündigung bis zum Kreuz; unten das Alte, von der Erschaffung Evas bis zur ehernen Schlange. Ein Waidhändler, Hans Heinze, ließ diese steinerne Predigt um 1570 meißeln, zur Zeit, da die Reformation die Heiligen von den Mauern vertrieb. Hier hat das Heilige die Kirche verlassen und ist in die Handelsstraße hinabgestiegen, allen Augen dargeboten.# Das Biblische HausIn der Neißstraße von Görlitz überzieht sich eine Kaufmannsfassade auf zwei steinernen Bändern mit ganzen Szenen der Bibel — von der Erschaffung Evas bis zur Kreuzigung. Von 1570 bis 1572 für einen Waidhändler errichtet, ist das „Biblische Haus" in Deutschland einzigartig: keine Kirche, sondern ein Privathaus, verwandelt in ein Bilderbuch heiliger Geschichten.

Was man sehen sollte

Blicken Sie zur Fassade auf. Zwei lange Reliefbänder durchziehen sie. Das obere entfaltet das Neue Testament: Mariä Verkündigung, Geburt Jesu, Taufe Christi, Abendmahl, Kreuzigung. Das untere reicht ins Alte Testament zurück: Erschaffung Evas, Sündenfall, Opferung Isaaks, Mose empfängt die Gesetzestafeln, die eherne Schlange in der Wüste.

Die Figuren sind in kräftigem Relief gehauen, lebendig, von der Straße aus lesbar. Unter dem Dachgesims ergänzen fünf schmalere Reliefs das Programm, deren Deutung umstritten bleibt. Das Ganze liest sich wie eine Seite: von links nach rechts, von oben nach unten, die den Vorübergehenden dargebotene Heilsgeschichte. Zwischen den biblischen Bändern und unter den Fenstern ziehen sich zudem feine Ornamentleisten hin, Ranken und Beschlagwerk, wie sie der Renaissance eigen sind. So verbindet die Fassade die strenge Erzählung des Heils mit dem neuen, aus Italien und den Niederlanden kommenden Zierrat — ein Haus, das zugleich predigt und sich schmückt.

Geschichte

1570 kauft Hans Heinze, aus Weimar zugezogener Waidhändler, das Grundstück, dessen Vorgängerhaus im großen Stadtbrand von 1525 verbrannt war. Er lässt ein neues Haus errichten und beauftragt eine Bildhauerwerkstatt — das Dekor wird Hans Kramer dem Jüngeren zugeschrieben — mit dieser außergewöhnlichen, um 1572 vollendeten Fassade. Die Reliefs gehen auf die Stiche illustrierter Bibeln zurück, die der Buchdruck damals im ganzen lutherischen Deutschland verbreitete.

Der ursprüngliche Renaissancegiebel ging 1726 in einem Brand verloren; das Haus wurde zwischen 2000 und 2004 von der Wüstenrot Stiftung und der Stadt Görlitz sorgfältig restauriert. Die biblischen Friese aber haben die Jahrhunderte überdauert.

Die Wahl eines solchen Programms ist für einen aus Weimar zugezogenen Kaufmann nicht beiläufig: Görlitz, Stadt des Tuchs und des Waids, ist damals für die Reformation gewonnen, und Heinze zeigt auf seiner Fassade seinen Glauben ebenso wie sein Vermögen. Die Szenen folgen eng den Holzschnitten der illustrierten Bibeln, die die Pressen Wittenbergs und anderer Orte zu Tausenden verbreiteten — der Stein nimmt hier das gedruckte Bild wieder auf. Unter dem Gesims ergänzen fünf schmalere Reliefs das Ganze, deren genaue Bedeutung unter den Historikern umstritten bleibt: ein Rätsel mehr an einer Fassade, die doch klar sein wollte, allen Vorübergehenden zur Lektüre dargeboten.

Symbole und Geheimnisse

Warum die Bibel und nicht die Heiligen? Weil wir mitten in der Reformation sind. Das Luthertum verwirft den Heiligenkult und stellt die Schrift allein ins Zentrum. Sein Haus mit biblischen Szenen zu bedecken, heißt den neuen Glauben zu bekennen — und das Heilige aus der Kirche in die Handelsstraße zu verlegen. Die Fassade wird zur stummen Predigt, zu einer „Armenbibel" unter freiem Himmel, in der auch der Unkundige Bild um Bild dem Faden des Heils folgen kann.

Die Symmetrie der beiden Bänder ist nicht zufällig: Das Alte Testament unten kündet das Neue oben an und trägt es, nach der den Reformatoren teuren typologischen Lesart — die eherne Schlange deutet das Kreuz voraus, Isaaks Opferung die Christi.

Warum dieses Monument zählt

Weil es einzigartig ist: Nirgends sonst in Deutschland trägt eine Privatfassade ein so vollständiges biblisches Programm. Das Biblische Haus zeigt, wie die Reformation bis in das Dekor der Wohnhäuser hineinwirkte und die Straße selbst zum Raum des Glaubens machte. Es ist die lutherische Theologie, in den Stein einer Handelsstadt gehauen.

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