Folgen Sie dem Meißel des Steinmetzen entlang dem Fries: Kugeln, Lilienranken, über den Sandstein laufend wie eine Werkstattsignatur. Wir sind auf der Baustelle des Johannbaus, des Flügels, den Fürst Johann IV. von Anhalt schon 1528 in Auftrag gibt, im Anbruch der Renaissance im Anhaltischen. Der Geselle, der diese Kugeln haut, arbeitet für ein außergewöhnliches Haus: Der leibliche Bruder des Fürsten, Georg der Gottselige, ist lutherischer Priester geworden, Freund Luthers und Melanchthons — ein Fürst von Geblüt im Dienst des neuen Glaubens. Vom ganzen Palast wird dieser Flügel 1945 der einzige Überlebende sein: ein stehendes Bruchstück unter den Verschwundenen.# Der Johannbau, Schloss DessauMitten in Dessau ist ein langer Bau mit eigentümlich mit kleinen Bögen und Friesen geschmückten Giebeln alles, was von der Residenz der Fürsten von Anhalt geblieben ist: der Johannbau. Ab 1529-1530 errichtet, zählt er zu den ältesten Zeugen der Frührenaissance in Mitteldeutschland — und zu den ergreifendsten, denn er ist der einzige Überlebende eines 1945 ausgelöschten Palastes.
Was man sehen sollte
Betrachten Sie zuerst die Giebel: nicht mehr die gotischen Stufen, sondern eine Folge von Rundbögen und leichten Friesen, besät mit Kugeln und Lilienranken. Es ist das neue, noch etwas zögernde Vokabular der Renaissance, mit alten Reminiszenzen vermischt — genau der Augenblick, in dem Deutschland Italien lernt. Suchen Sie die Loggia und ihre Wendeltreppe, das italienische Motiv schlechthin, das die Fassade öffnet und zur Bewegung einlädt.
Treten Sie ein: Der Johannbau beherbergt heute ein Museum für Stadtgeschichte, und seine Mauern bewahren noch die Erinnerung an die Fürstenresidenz, deren Westflügel er war. Ringsum hat die moderne Stadt den Rest des Schlosses ersetzt; umso mehr lohnt das Verweilen an diesem stehengebliebenen Fragment, kostbar wie eine aus einem verbrannten Buch gerettete Seite.
Geschichte
Das ursprüngliche Schloss, im 14. Jahrhundert an der Mulde erbaut, war zweimal abgebrannt. In den Jahren 1528-1529 beginnen die drei Fürstenbrüder von Anhalt — Johann IV. (1504-1551), Georg III. (1507-1553) und Joachim (1509-1561) — einen Wiederaufbau: Man bestellt die Materialien, flößt sie auf der Elbe heran. Der neue Flügel erhält den Namen Johanns IV., des Hauptbauherrn. Sein Stil, der „Frührenaissance" zugerechnet, ist an Bogengiebeln, Portalen und Loggia zu erkennen.
Doch das Haus Anhalt zeichnet sich vor allem durch seinen Glauben aus. Die drei Brüder gehören zu den ersten deutschen Fürsten, die die Reformation annehmen. Georg III., der eigentümlichste, geht weiter als alle: als Fürst von Geblüt wird er lutherischer Geistlicher, verbindet sich mit Luther und Melanchthon, predigt und leitet die Kirchen seines Landes. Ein Fürst, der die Kanzel besteigt: Kaum ein Beispiel zeigt deutlicher den Griff der Reformation auf eine Dynastie. 1945 zerstört die Bombardierung die Residenz; nur der Johannbau bleibt stehen und wird am Ende des 20. Jahrhunderts wiederhergestellt.
Man muss sich die vollständige Residenz vorstellen: eine weitläufige Anlage aus mehreren Flügeln, von denen der Johannbau nur die Westseite einnahm. Die Fürsten von Anhalt-Dessau führten hier einen bescheidenen, doch gelehrten Hof, in enger Verbindung mit dem nahen Wittenberg, von wo die Ideen und Männer der Reformation kamen. Dass der erhaltene Flügel den Namen Johanns IV. trägt und nicht den seines Bruders Georg des Predigers, liegt an der Rollenteilung: dem einen Stein und Regierung, dem anderen Kanzel und Theologie. Der Johannbau ist so die letzte Mauer eines Hauses, in dem Renaissance und Reformation im Gleichschritt vorrückten — ein Fragment, das für sich allein den Augenblick erzählt, als die Formen Italiens und der Glaube Luthers gemeinsam das Elbufer erreichten. Gerade seine Einsamkeit macht ihn kostbar: Er ist das Gedächtnis einer ganzen verschwundenen Residenz.
Symbole und Geheimnisse
Die Bogengiebel und Lilienfriese sagen eines: Hier ist die Renaissance noch keine beherrschte Sprache, sondern ein neuer Akzent, der sich in gotische Gewohnheiten schleicht. Man ahnt eine Baustelle, die lernt. Und das einsame Überleben des Johannbaus gibt ihm einen Sinn, den seine Erbauer nicht vorsahen: Er ist zum Zeugen einer untergegangenen Welt geworden, zur letzten Mauer eines Palastes reformatorischer Fürsten.
Warum dieser Ort zählt
Weil er einer der ältesten erhaltenen Frührenaissancebauten Mitteldeutschlands ist und weil er die Erinnerung an ein Fürstenhaus trägt, das die Reformation zur Familiensache machte — bis einer der Seinen Prediger wurde. Der Johannbau ist ein Fragment, doch ein gründendes. Wer heute vor seinen Bogengiebeln steht, liest an einer einzigen Mauer den doppelten Aufbruch des Jahrhunderts: die neue Form aus dem Süden und den neuen Glauben aus dem nahen Wittenberg, in ein und demselben Stein vereint.

