Hören Sie die Glocke. Auf dem Wittenberger Rathaus schlug die 1573 angebrachte Sünderglocke nicht die Stunden: Sie schlug die Hinrichtungen. Bei ihrem Läuten wusste die Stadt, dass ein Verurteilter dem Tod entgegenging. In demselben Haus tagte der Rat — und unter den Ratsherren, mehrfach Bürgermeister, der Maler Lucas Cranach der Ältere, dessen Werkstatt nur wenige Schritte entfernt lag. Die Fassade mischt die Zeitalter: gotische Fenster unten, Renaissancegauben und ein großes geschnitztes Portal darüber. Wir sind in Wittenberg, wenige hundert Meter von der Tür der 95 Thesen.# Das Rathaus WittenbergAm großen Platz von Wittenberg, wo die Standbilder Luthers und Melanchthons stehen, reiht das Rathaus eine lange weiße Fassade mit gotischen Fenstern und Renaissance-Gauben. Von 1523 bis 1541 errichtet — gerade als die kleine Stadt zur geistigen Hauptstadt der Reformation wird —, ist es ein guter Zeuge der sächsischen Renaissance und der Sitz eines Rates, in dem der Maler Lucas Cranach saß.
Was man sehen sollte
Die Fassade liest sich wie ein Buch dreier Zeitalter. In den beiden unteren Geschossen bewahren die Vorhangbogenfenster die Erinnerung an die Spätgotik; darüber künden die Zwerchgauben und die Gesimsbänder die Renaissance an. In der Mitte das reich skulptierte Prachtportal, 1573 bei einer Sicherungskampagne hinzugefügt.
Blicken Sie zum kleinen Dachreiter auf: Er birgt die Sünderglocke, ebenfalls 1573 gesetzt, deren Klang die Verurteilten begleitete. Treten Sie schließlich auf dem Platz zurück: Das Rathaus bildet den Hintergrund der Denkmäler für Luther und Melanchthon (im 19. Jahrhundert errichtet), sodass man den Ort und seine Helden mit einem Blick erfasst. Das 1573 hinzugefügte Prachtportal mischt Säulen, Voluten und skulptierte Reliefs: Es ist das aufwendigste Stück der Fassade, ein Bravourstück, einem im Übrigen schlichteren Bau aufgepfropft. An ihm lässt sich ablesen, wie die Renaissance die noch gotische Mauer erst nach und nach eroberte.
Geschichte
Zu Beginn der 1520er Jahre ist Wittenberg noch eine bescheidene Residenz des Kurfürstentums Sachsen — doch von hier hat Luther 1517 die Bewegung ausgelöst, die Europa umwälzen wird. Die stolze, aufblühende Stadt gibt sich ein neues Rathaus: Der Bau beginnt um 1521-1523 unter der Leitung des Werkmeisters Bastian Krüger und wird 1541 vollendet.
Unter den Männern des Rates ist Lucas Cranach der Ältere, kurfürstlicher Hofmaler, Drucker, Apotheker — und mehrmals Bürgermeister der Stadt. Rathaus und Cranach-Werkstatt, ganz nah beieinander, gehören derselben Welt an. 1573 erzwingen Bauschäden eine Instandsetzung: Damals werden das Prachtportal und der Dachreiter der Sünderglocke hinzugefügt. Seit 1996 gehört das Ensemble der Lutherstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Man muss ermessen, was Wittenberg war: eine kleine Stadt von einigen tausend Seelen, Sitz einer 1502 von Friedrich dem Weisen gegründeten Universität und plötzlich, ab 1517, der Mittelpunkt eines Bebens, das die Christenheit erschüttert. Hier lehrt Luther, hier erneuert Melanchthon die Schulen, hier druckt und malt Cranach. Das im Lauf dieser entscheidenden Jahre erbaute Rathaus ist das bürgerliche Haus dieser unwahrscheinlichen Hauptstadt — der Ort, an dem ein Flecken des Kurfürstentums Sachsen lernt, seiner neuen Rolle in der Geschichte gewachsen zu sein. Seine halb gotische, halb Renaissance-Fassade ist das Bild eben dieses Übergangs.
Symbole und Geheimnisse
Ein Rathaus, das Gotik und Renaissance so deutlich mischt, erzählt von einem Umbruch: Die alte und die neue Form bestehen an einer Mauer nebeneinander, wie die alte und die neue Welt im Wittenberg der Reformation. Die Stadt bricht nicht mit einem Schlag; sie schichtet.
Die Sünderglocke wiederum bezeugt die richterliche Funktion des Gemeindehauses: Das Rathaus war nicht nur ein Ort der Verwaltung, sondern Sitz einer Justiz, die bis zum Tod gehen konnte — und die sich damals durch ein allen vertrautes Läuten ankündigte.
Warum dieses Monument zählt
Weil es das bürgerliche Haus der Mutterstadt der Reformation ist und an einem Ort die Geschichte einer Stadt und die eines weltweiten Umbruchs vereint. Hier den Rat zu sehen, in dem Cranach saß, heißt zu begreifen, dass die Reformation nicht nur Sache der Theologen war, sondern auch der Bürger, Maler und Ratsherren.

