Hoch über dem Neckar trägt die große Ruine aus rotem Sandstein die berühmteste Renaissancefassade Deutschlands: den Ottheinrichsbau, ab 1556 für Kurfürst Ottheinrich von der Pfalz errichtet. Fünf Jahrhunderte lang Residenz der pfälzischen Kurfürsten, vom Blitz entzündet und von Kriegen zerbrochen, wurde das Schloss zum Sinnbild der deutschen Romantik — und zum Manifest der aus Italien gekommenen Renaissance.
Der erste Blick
Man steigt aus der Altstadt hinauf, und mit einem Mal liegt das Schloss da: eine efeuüberwucherte Masse aus rotem Sandstein, von fensterlosen Öffnungen durchbrochen, am bewaldeten Hang. Nichts ist „sauber" — es ist eine bewohnte Ruine, und darin liegt ihre Kraft. Die Romantiker — Goethe, Victor Hugo, Turner — suchten hier genau diesen Schwindel der Zeit.
Was man sehen sollte
Der Ottheinrichsbau (1556-1559) ist das Herzstück. Seine Fassade entfaltet über drei Geschosse ein Architekturtraktat: die antiken Ordnungen stehen in richtiger Folge übereinander, und sechzehn Figuren bevölkern die Nischen — Kardinaltugenden, Planeten, biblische und antike Helden, ein ganzes humanistisches Programm, das der Werkstatt Alexander Colins zugeschrieben wird. Das von Karyatiden gerahmte Portal ist ein Bildwerk für sich.
Daneben reiht der besser erhaltene Friedrichsbau (1601-1607) die Standbilder der Ahnen des pfälzischen Hauses bis zu Karl dem Großen auf: eine in Stein gestellte Genealogie zur Legitimation der Dynastie. Der Gläserne Saalbau (um 1549) bewahrt die italienischen Loggien zum Hof.
In den Kellern fasst das Große Fass in seiner Riesenversion von 1751 rund 220 000 Liter — die fürstliche Maßlosigkeit, die der Hofzwerg Perkeo bewachte, zur Legende geworden. Und zu Füßen der Terrassen der Hortus Palatinus (1614-1619), vom Ingenieur Salomon de Caus für Kurfürst Friedrich V. entworfen — ein Terrassengarten mit Grotten und hydraulischen Automaten, „das achte Weltwunder" genannt, nie vollendet.
Geschichte
Aus der mittelalterlichen Burg der pfälzischen Wittelsbacher wird im 16. Jahrhundert ein glänzender Hof. Ottheinrich, Kurfürst von 1556 bis 1559, zum Luthertum übergetreten und unersättlicher Büchersammler, vermehrt die berühmte Bibliotheca Palatina und lässt den nach ihm benannten Flügel errichten: Mit dieser Fassade hält die Renaissance in Deutschland vollends Einzug. Sein Großneffe Friedrich V., der böhmische „Winterkönig", heiratet 1613 Elisabeth Stuart, die Tochter des englischen Königs, und baut das Schloss für sie um.
Dann der Fall. 1622 wird Heidelberg erobert, die Bibliotheca Palatina dem Papst geschenkt und nach Rom gebracht. Der Dreißigjährige Krieg verwüstet die Pfalz; 1689 und 1693 sprengen die Truppen Ludwigs XIV. unter General Mélac die Türme. 1764 entzünden zwei Blitzschläge das eben Wiederhergestellte. Man gibt auf. Das Schloss bleibt Ruine — und als Ruine wird es im 19. Jahrhundert zum meistgemalten Ort Deutschlands.
Symbole und Geheimnisse
Vom Elisabethentor (1615) heißt es, Friedrich V. habe es in einer einzigen Nacht zum Geburtstag seiner Frau errichten lassen. In die Mauer eingelassen ist ein gesprungener Eisenring — der Hexenbiss: Wer ihn mit einem Biss durchbeiße, gewinne das Schloss. Und am Friedrichsbau trägt jede Ahnenfigur ein Attribut, das ihre Herrschaft erzählt: Die Fassade liest sich als Stammbaum.
Warum Heidelberg zählt
Weil hier zum ersten Mal in Deutschland eine fürstliche Fassade aufhört, gotisch zu sein, und zu einer gelehrten Rede nach antikem Vorbild wird. Der Ottheinrichsbau ist für die deutsche Renaissance, was der Louvre-Hof für die französische ist: der Augenblick, in dem die italienische Sprache national wird.
