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Renaissance in Deutschland

Dom St. Marien (Freiberger Dom)

Freiberg

Dom St. Marien (Freiberger Dom)

Treten Sie in den Chor und lauschen Sie einem stummen Konzert: Vierunddreißig Engel aus Bronze und Stuck spielen dort Renaissanceinstrumente, erstarrt um die Grabmäler der sächsischen Kurfürsten. Ab 1541 wurde der alte Dom von Freiberg, einer Silberstadt, zum Mausoleum der Wettiner Dynastie — achtunddreißig Grablegen, eine vom Italiener Giovanni Maria Nosseni entworfene Grabkapelle. Nahebei scheint die „Tulpenkanzel" wie ein steinerner Blütenkelch mit vier Stielen aus dem Boden zu wachsen, Werk eines halb anonym gebliebenen Meisters. Der fürstliche Tod inszeniert sich hier in einem Glanz aus Engeln und Blumen.# Der Freiberger Dom St. MarienFreiberg, die älteste Silberstadt Sachsens, hat aus seiner großen Kirche ein Gehäuse für zwei Schätze gemacht. Der eine, die Tulpenkanzel, ist der Schwanengesang der Gotik; der andere, die kurfürstliche Begräbniskapelle, ist eines der reinsten Meisterwerke der Renaissance nördlich der Alpen. Zwischen beiden trennt ein Jahrhundert zwei Welten — und die ganze Kunst Sachsens liegt in diesem Abstand.

Was man sehen sollte

Gehen Sie in das nach dem Brand von 1484 wiedererrichtete gotische Schiff und halten Sie vor der Tulpenkanzel (um 1505). Aus Porphyrtuff gehauen, scheint sie wie eine Blume aus dem Boden zu wachsen: Vier Stängel steigen auf und öffnen sich zum Kelch, der den Korb trägt. Man erkennt die Kirchenväter, singende Engel, einen Mann in Tracht — und zu Füßen einen Jüngling, der das Bildnis des Bildhauers sein könnte, des Meisters H.W. (wohl Hans Witten).

Dann gehen Sie zum Chor und treten in die Begräbniskapelle der sächsischen Kurfürsten. Hier wechselt alles das Jahrhundert. Zwischen 1585 und 1594 komponiert der Italiener Giovanni Maria Nosseni ein Dynastie-Mausoleum, in dem Marmor, Bronze und Stuck einander antworten. Vierunddreißig musizierende Engel spielen Renaissance-Instrumente um die Grabmäler; gravierte Bronzeplatten bezeichnen die Begräbnisse der Fürsten. Das manieristische, prächtige Ensemble gehört zu den schönsten des Reiches.

Versäumen Sie nicht das Moritzmonument (um 1559-1563), das Marmormal des Kurfürsten Moritz von Sachsen, ein frühes Werk der aus den Niederlanden gekommenen Renaissance-Bildhauerei, noch die Goldene Pforte, das romanische Portal des frühen 13. Jahrhunderts, Rest der Kirche vor dem Brand: ein Gewändeportal voller Figuren, eines der reichsten der deutschen Romanik, den Flammen von 1484 entronnen und in die gotische Kirche übernommen. Im Chor ermisst man zugleich die Höhe und Helle der Halle, deren Gewölbe zu Beginn des 16. Jahrhunderts von den Meistern Falkenwalt aufgeführt wurden.

Geschichte

Freiberg wurde schon im 12. Jahrhundert durch Silber reich. Seine zunächst romanische Kirche brennt 1484; man errichtet sie als spätgotische Halle neu, um 1512 vollendet. Die Tulpenkanzel stammt aus dieser ersten Phase, noch ganz gotisch in ihrem pflanzlichen Geist.

Ein Jahrhundert später wandelt sich die Geschichte. Die lutherisch gewordenen sächsischen Kurfürsten machen den Dom zu ihrer Grablege: Ab 1541 werden hier achtunddreißig Mitglieder des Hauses Wettin bestattet, von Moritz bis Johann Georg. Um diese Toten würdig zu bergen, beauftragen Kurfürst August und seine Nachfolger Nosseni mit der großen Begräbniskapelle (1585-1594). Die Beisetzungen enden erst nach 1697, als August der Starke zum Katholizismus übertritt, um die polnische Krone zu gewinnen — und die lutherische Grablege seiner Väter verlässt. Von Moritz über August und Christian I. bis zu Johann Georg I. ruhen so Generationen des albertinischen Hauses unter einem Dach, begleitet von den gravierten Bronzeplatten und den Alabasterfiguren, die Nosseni und seine Werkstatt schufen. Nirgends sonst in Sachsen lässt sich die Dynastie der Kurfürsten so geschlossen von Angesicht zu Angesicht betrachten.

Symbole und Geheimnisse

Zwei Meisterwerke, zwei Sichten auf den Tod. Die Tulpenkanzel lässt das Wort Gottes blühen: Die Kanzel wächst wie eine Pflanze, die Predigt ist Saft und Leben. Nossenis Kapelle inszeniert die Macht: Die musizierenden Engel geleiten die Fürsten in die Ewigkeit, Bronze und Marmor erstarren den Ruhm einer Dynastie. Die Silberstadt zahlt beides — denn es ist stets das Freiberger Silber, das von der Gotik bis zur Renaissance den Stein sprechen lässt.

Warum das zählt

Weil Freiberg unter einem Gewölbe den letzten Glanz der Gotik und den Gipfel der sächsischen Renaissance vereint. Nossenis Kapelle ist ein Markstein: Sie bringt die fürstliche Grabkunst nach italienischer Art nach Sachsen, Vorbild für das ganze Jahrhundert. Und der Kontrast zur Tulpenkanzel bietet eine seltene Lehre: in wenigen Schritten eine Kunst enden und eine andere beginnen zu sehen. Dieser Weg durch ein einziges Gotteshaus, vom spätgotischen Blütenkelch bis zum manieristischen Fürstenmausoleum, macht den Freiberger Dom zu einem Lehrbuch der sächsischen Kunstgeschichte in Stein.

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