Am Ufer der Emmer spiegelt sich Schloss Hämelschenburg seit über vier Jahrhunderten in seinen Gräben — ein unversehrtes Juwel der Weserrenaissance. Sein Besitzer Jürgen von Klencke beginnt um 1588 einen Bau, der fast dreißig Jahre dauern wird: Volutengiebel, Bossen, geschnitzte Erker. Man umschreitet es über das Wasser, und jede Seite bietet ein neues steinernes Gesicht.
Was man sehen sollte
Was man in Hämelschenburg sehen muss, ist zuerst die Fassade: eine lange Front aus Obernkirchener Sandstein, gegliedert von waagerechten Gesimsen, Kreuzstockfenstern und einem für die Weser typischen Zierrepertoire — Beschlagwerk, Rollwerk, Volutengiebel und Obelisken. Das Schloss ist ein Wasserschloss: Von der Emmer gespeiste Gräften umgeben es, und man betritt es über einen U-förmigen Ehrenhof. Zwei achteckige, kupfergedeckte Treppentürme rhythmisieren die Anlage; im Erdgeschoss treten zwei Ausluchten zum Hof vor.
Das sprechendste Stück ist das Portal des Westturms, an dem die teilvergoldeten Wappen Jürgen Klenckes und Anna von Holles prangen: Die Bauherren unterzeichnen hier ihr Werk, wie es in der deutschen Renaissance üblich ist, wo das Wappen die Inschrift ersetzt. Neben dem Wohnbau zählt die 1563 wiedererbaute Marienkapelle zu den frühesten entschieden protestantischen Kirchenbauten und bezeugt den Übergang der Region zur Reformation. Das als Museum geöffnete Innere bewahrt Ausstattungen mehrerer Jahrhunderte (Renaissance, Barock, 19. Jh.), doch die unversehrte steinerne Hülle trägt die Botschaft der Renaissance.
Geschichte
Der Ort ist seit 1437 Lehen der Familie Klencke von den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg. Nach einem Brand, der 1544 den Altbau zerstört, lässt Jürgen (Georg) Klencke ab 1588 das heutige Schloss errichten; die Bauzeit dauert rund dreißig Jahre und endet um 1613, zum Teil unter seiner Witwe Anna von Holle. Die Werkmeister sind nicht sicher überliefert; die Forschung stellt den Bau in die Nähe der Werkstatt des in Hameln tätigen Cord Tönnis und schreibt die Giebel Eberhard Wilkening zu. Bei dieser Vorsicht muss man bleiben: Hämelschenburg ist ein kollektives Bauwerk der Weser, nicht das signierte Werk eines einzelnen Architekten.
Im 17. Jahrhundert tritt das Schloss mit dem Religionsgespräch von 1614 in die Geistesgeschichte ein, bei dem ein lutherischer und ein katholischer Theologe aufeinandertreffen — Zeichen der konfessionellen Spannung vor dem Dreißigjährigen Krieg. Während dieses Krieges handelt die verwitwete Anna von Holle mit der kaiserlichen Seite einen Schutzbrief aus: Das Schloss entgeht der Plünderung. Im 19. und 20. Jahrhundert passen die von Klencke die Innenräume an, ohne das Äußere zu entstellen. Bis heute Familienbesitz und Erhaltungsstiftung, lässt sich Hämelschenburg als seltenes Beispiel eines nie in seiner Überlieferung gebrochenen Renaissanceschlosses besichtigen.
Symbole und Geheimnisse
Das Geheimnis von Hämelschenburg ist das der Beständigkeit. Wo so viele deutsche Schlösser brannten, umgebaut oder verkauft wurden, blieb dieses in der Hand einer Familie: Der Stein wurde nicht dem Geschmack eines anderen Jahrhunderts angepasst. Die Wappen des Portals bezeugen diese dynastische Logik: Bauen heißt, einen Namen in die Dauer schreiben. Der Weserzierrat — steinernes Beschlagwerk, Rollwerk, Voluten — ist nicht beliebig: Er zeigt die Kultur eines regionalen Adels, der sich durch Reformation und Buch den aus den Niederlanden und Italien kommenden Vorbildern öffnet und doch seine eigene Art bewahrt.
Warum dieser Ort zählt
Weil Hämelschenburg das Zeugenschloss der Weserrenaissance ist: kein Fragment, sondern ein vollständiges Ensemble — Fassaden, Gräften, Türmchen, Kapelle —, erhalten, weil es nie aufhörte, bewohnt zu sein. Es macht verständlich, was diese regionale Schule Norddeutschlands war: eine Renaissance aus Sandstein und Giebeln, aus dem Weserhandel und dem Landadel geboren, ebenso gelehrt wie eigenständig. Wer mit einem Blick sehen will, was „modern bauen" im protestantischen Deutschland um 1600 hieß, kommt hierher.

