In Hameln trägt ein Patrizierhaus von 1602-1603, in seine Seite gemeißelt, die Inschrift, die an das Verschwinden der Kinder von 1284 erinnert: Sie hat ihm den Namen „Rattenfängerhaus" eingetragen. Doch die Fassade selbst, mit verzierten Giebeln und geschnitzten Bändern, ist ein reines Manifest der bürgerlichen Weserrenaissance. Der Mythos vergeht; der datierte und signierte Stein bleibt das wahre Thema.
Was man sehen sollte
Das Haus ist zuerst eine Fassade: eine der herrlichsten der Weserrenaissance, in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten. Der reich geschmückte Giebel, die skulptierten Bänder, die Ordnung der Fenster bekunden die Pracht eines Honoratiorenhauses, errichtet, um an der großen Kaufmannsstraße seinen Rang zu halten. Seine Lage an der Ecke, wo sich die Bungelosenstraße von der Osterstraße löst, gibt ihm eine doppelte Ansicht und macht es zu einem natürlichen Merkpunkt.
An der Seite zur Bungelosenstraße verläuft das berühmteste Element: eine Inschrift von 1602/1603, die berichtet, dass im Jahr 1284, am 26. Juni, „130 in Hameln geborene Kinder" von einem bunt gekleideten Pfeifer aus der Stadt geführt und bei den Hügeln am Kalvarienberg verloren wurden. Dieser Text hat dem Haus seinen Namen gegeben.
Geschichte
Das Haus wird 1602-1603 für Hermann Arendes, Ratsherrn zu Hameln, errichtet. Die Zuschreibung des Baues an Johann Hundertossen oder Eberhard Wilkening beruht auf der stilistischen Untersuchung. Wie die anderen großen Häuser der Osterstraße — das Leisthaus, das Dempterhaus, das Stiftsherrenhaus — zeugt es vom Wohlstand der Patrizier der Stadt um die Wende zum 17. Jahrhundert, die mit prächtigen Fassaden wetteiferten.
Der Name „Rattenfängerhaus" kommt später, von der Inschrift, die zur Bauzeit an der Fassade angebracht wurde und die mittelalterliche Sage vom Verschwinden der Hamelner Kinder 1284 aufgreift — eine der berühmtesten und meistdiskutierten Erzählungen Europas. Die Inschrift erklärt das Rätsel nicht; sie hält es im Stein fest. Das Haus selbst hat keinen historischen Bezug zum Ereignis von 1284: Es ist ihm um mehr als drei Jahrhunderte nachgeordnet, und erst durch diese Inschrift wurde es zum Erinnerungsdenkmal der Sage.
Symbole und Geheimnisse
Das Rattenfängerhaus ist ein faszinierender Fall, in dem Architektur und Mythos sich begegnen. Die Fassade entspringt reinem Patrizierstolz: Reichtum zeigen, Rang behaupten. Doch die Inschrift macht etwas anderes aus ihr — den Träger eines kollektiven Gedächtnisses. Indem der Ratsherr Arendes (oder die Stadt) die Sage an seinem neuen Haus einmeißelt, verankert er eine schon alte Erzählung in der Gegenwart und verwandelt sein Haus in einen Erinnerungsort. Die Tradition der Bungelosenstraße, der „trommellosen Straße", in der zum Gedenken an die verlorenen Kinder keine Musik gespielt wurde, zeigt, wie sehr die Sage den Alltag noch prägte. Das Rätsel von 1284 — Seuche, Ostsiedlung, Katastrophe? — bleibt ungelöst, und vielleicht gibt gerade das der Fassade ihre eigentümliche Kraft.
Warum dieser Ort zählt
Weil das Rattenfängerhaus zwei seltene Dinge vereint: eine Fassade, die zu den schönsten der Weserrenaissance zählt, und eine Inschrift, die es zum sinnbildlichen Denkmal der berühmtesten deutschen Sage gemacht hat. Es bekundet den Wohlstand der Hamelner Patrizier und ihren Sinn für Dekor, aber auch die Macht der Erzählungen über eine städtische Gemeinschaft. Als Merkpunkt der Osterstraße ist es der Ort, an dem die Geschichte der Architektur auf die der Mythen trifft.

