Zwischen 1607 und 1612 kleidet die Stadt Bad Hersfeld ihr Rathaus in die Formen der Renaissance: Giebel, Auslucht, steinerner Schmuck, der den Stolz einer Reichsstadt kündet. Am Marktplatz zeigt das Ratsgebäude durch seinen Schmuck die bürgerliche Autorität am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges. Der bearbeitete Stein ist eine Rede, die jeder Vorübergehende lesen konnte.
Was man sehen sollte
Das Rathaus liest sich als eine Überlagerung. Sein Kern ist gotisch: Ein erster Bau bestand vor 1371, und man findet seine Spur noch im Südbau — den Spitzbogen des Hauptportals, ein Fenster beim Treppenturm. Was aber ins Auge fällt, ist der Renaissanceumbau zwischen 1607 und 1612, in der Sprache der Weserrenaissance, jener regionalen Spielart, die entlang der Weser entstand und Nordhessen erreichte.
Betrachten Sie die hohen Giebel (Zwerchgiebel), beladen mit kennzeichnendem Steinschmuck: Voluten, die die Stufen mildern, und Obelisken, die die Absätze krönen. Betrachten Sie den Treppenturm, der der Fassade angefügt ist, die Freitreppe und das Dachreiterchen über dem Südflügel. Der Bau zählt vier Geschosse und zwei Baukörper: eine Prunkarchitektur, in der die bürgerliche Gemeinde ihren Reichtum und ihre Selbständigkeit zeigt. Die ganze Fassade ist ein Manifest: Die Gotik spricht vom Alter, die Renaissance von Modernität und Rang.
Geschichte
Bad Hersfeld ist eine alte Abteistadt, um eine mächtige Benediktinergründung entstanden. Schon im 14. Jahrhundert gibt sich die Gemeinde ein Rathaus, Sitz ihres Rates: Ein erster gotischer Bau besteht vor 1371. Über zwei Jahrhunderte ist er das Herz des städtischen Lebens. Dann, um 1600, beschließt die Stadt, ihn zu modernisieren: Zwischen 1607 und 1612 wird das Gebäude im Stil der Weserrenaissance umgebaut und erweitert, mit seinen verzierten Giebeln und seinem Treppenturm.
Dieses Vorhaben ist nicht beliebig: Es liegt am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), in einem noch wohlhabenden, doch schon von konfessionellen Spannungen durchzogenen Deutschland. Sein Rathaus neu zu kleiden heißt für eine bürgerliche Gemeinde, ihre Identität und Selbständigkeit gegenüber der Macht der Abtei zu behaupten. Die Werkmeister übernehmen den gotischen Kern, ohne ihn auszulöschen: Die mittelalterlichen Ursprünge des Südbaus bleiben unter dem neuen Schmuck sichtbar. Das Rathaus durchquert sodann die Jahrhunderte als Sitz der Stadtverwaltung, der es bis heute bleibt.
Symbole und Geheimnisse
Das Geheimnis dieses Denkmals liegt in seiner doppelten Haut. Unter den Voluten und Obelisken der Renaissance scheint noch die Gotik durch: Spitzbogen, altes Fenster. Es ist das Bild einer Stadt, die sich nicht verleugnet, sondern modernisiert, die ihr Alter bewahrt und zugleich die neuen Formen annimmt. Die Volutengiebel der Weserrenaissance sind ihrerseits ein sozialer Code: Sie künden vom Wohlstand eines nordischen Bürgertums, seinem Sinn für gutes Werk, seinem gemeindlichen Stolz. Das Rathaus ist nicht nur ein Amt: Es ist das steinerne Bildnis einer Stadt.
Warum dieser Ort zählt
Weil das Rathaus Bad Hersfeld einer der schönen Zeugen der Weserrenaissance in Nordhessen ist. Sein Umbau von 1607-1612, auf einen gotischen Kern gesetzt, zeigt, wie sich eine bürgerliche Stadt am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges ein ihren Ansprüchen angemessenes Denkmal gab. Volutengiebel, Treppenturm, Steinschmuck: das ganze Vokabular eines regionalen Stils zeigt sich hier am Marktplatz, für alle lesbar.

