In der großen gotischen Elisabethkirche, Wiege des Deutschen Ordens, haben die hessischen Landgrafen ihre letzte Ruhe gefunden: eine Folge von Renaissance-Grabmälern und -Monumenten, aufgereiht wie eine steinerne Dynastie. Einst Ziel der Wallfahrt zur Heiligen, wurde das Heiligtum zum Mausoleum eines Fürstenhauses. Man geht von einem Liegenden zum nächsten, als stiege man einen Stammbaum hinauf.
Was man sehen sollte
Die Kirche ist ein Meisterwerk der reinsten Gotik: dreischiffige Hallenkirche, Chor mit drei Apsiden als Kleeblatt, ab 1235 errichtet und 1283 vom Deutschen Orden geweiht, um die heilige Elisabeth von Thüringen zu ehren. Für die Renaissance aber gilt es den Landgrafenchor zu betrachten, in der Südkonche: Dort ließ sich das Haus Hessen bestatten, dessen Landgrafen direkte Nachfahren der heiligen Elisabeth waren. Man sieht Hochgräber (Kenotaphe) und Wandepitaphe aufgereiht — eine ganze dynastische Grabgalerie.
Das Stück, das den Angelpunkt bildet, ist das Grabmal des Landgrafen Wilhelm II. (gestorben 1509), 1516 errichtet: das letzte der Hochgräber der Kirche, das eine Mitte des 13. Jahrhunderts eröffnete Tradition abschließt, und es markiert den Übergang von der mittelalterlichen Grabkunst zu jener der Renaissance. Ringsum gehören die Wandepitaphe des 16. Jahrhunderts schon der neuen Sprache an. Den Landgrafenchor zu betrachten heißt also, im Stein den Umschlag von einem Jahrhundert ins andere zu verfolgen: das Ende der mittelalterlichen Liegefiguren und die Geburt des modernen Grabdenkmals.
Geschichte
Beim Tod der heiligen Elisabeth von Thüringen (1231), einer mildtätigen Witwe, die sich nach Marburg zurückgezogen hatte, wird ihr Grab zu einem großen Pilgerziel. Ihre Heiligsprechung 1235 löst sogleich den Bau einer großen Kirche durch den Deutschen Orden aus: in jenem Jahr begonnen, wird sie 1283 geweiht. Als Hallenkirche einer neuen, strengen Gotik gilt sie als die älteste rein gotische Kirche auf deutschem Boden. Jahrhundertelang zieht sie Pilger an und dient den Landgrafen von Hessen als Grablege.
Das 16. Jahrhundert ändert alles. Die Reformation erfasst Marburg: Ab 1539 wird im Chor der lutherische Gottesdienst gefeiert; 1543 scheitert der Versuch Landgraf Philipps des Großmütigen, die Deutschordenskommende zu säkularisieren, doch der Umschwung ist vollzogen. Das landgräfliche Haus hört nun auf, die Elisabethkirche zu seiner Grablege zu machen, und verlegt seine Bestattungen auf die Stadtpfarrkirche. Der Landgrafenchor aber behält seine Grabmäler: von den mittelalterlichen Liegefiguren bis zum Grabmal Wilhelms II. (1516) ein Konzentrat von drei Jahrhunderten fürstlicher Grabkunst. Die heute evangelische Pfarrkirche ist Gegenstand einer umfassenden Restaurierung.
Symbole und Geheimnisse
Der Landgrafenchor erzählt von einer heiligen Abstammung: Die Fürsten von Hessen ließen sich bei ihrer heiligen Ahnin bestatten, als wollten sie ihre Dynastie in der Heiligkeit verankern. Das Grabmal Wilhelms II., das letzte der Reihe, ist dessen Höhepunkt und Ende: Nach ihm verschiebt sich die Grablege, und die Grabkunst wechselt die Sprache. Das Geheimnis dieses Chors liegt an dieser Schwelle: Man sieht eine mittelalterliche Tradition sterben und die Renaissance aufkeimen, im selben Raum, unter denselben Gewölben. Die Kirche der Heiligen wird zum Buch einer Dynastie.
Warum dieser Ort zählt
Weil die Elisabethkirche nicht nur die älteste rein gotische Kirche Deutschlands ist, sondern auch die Grablege der Landgrafen von Hessen, an der sich der Übergang von der mittelalterlichen Grabkunst zu jener der Renaissance ablesen lässt. Der Landgrafenchor mit seinen Hochgräbern und Epitaphen — bis zum Grabmal Wilhelms II. von 1516 — verdichtet drei Jahrhunderte fürstlichen Gedächtnisses. Es ist ein Ort, an dem sich die Geschichte einer Heiligen, einer Dynastie und eines Stils am Fuß des Schlosses begegnen.

