Denken Sie sich den Hüter, der mit erhobener Fackel über einem der größten Reliquienschätze der Christenheit wacht: dem Hallesches Heiltum des Kardinals Albrecht von Brandenburg, Tausende goldener und silberner Reliquiare, in dieser Festung mit den mächtigen Rundtürmen gehäuft. Kirchenfürst und Mäzen Cranachs und Dürers, machte Albrecht aus Halle eine Kunsthauptstadt — doch sein Ablasshandel entzündete zur selben Zeit das Pulver: Luthers 95 Thesen von 1517 zielen genau auf dieses System. 1541 wird Halle protestantisch; Albrecht flieht und nimmt seinen Schatz mit. Die Giebel der Frührenaissance, der alten Festung aufgesetzt, wachen heute über einen zur Ruine gewordenen Hof.# Die Moritzburg in HalleAn der Saale erhebt die Moritzburg in Halle ihre mächtigen Rundtürme und ihre Frührenaissance-Giebel: eine befestigte Residenz, am Ende des 15. Jahrhunderts für die Erzbischöfe von Magdeburg erbaut. Lange einer der glänzendsten — und umstrittensten — Höfe Deutschlands, stand sie im Zentrum eben jenes Funkens, der die Reformation entzündete.
Was man sehen sollte
Der Bau gehört zwei Welten an. Mit seinen runden Ecktürmen und starken Mauern ist er noch eine Festung des späten Mittelalters, eine der modernsten ihrer Zeit. Doch heben Sie den Blick zu den Giebeln: Dort zeigt sich das neue Formenspiel der Renaissance, der berühmte „Welsche Giebel", der italienische Hauch, der Deutschland erfasst. Im Hof erkennen Sie die Kapelle St. Maria-Magdalena, Hülle des erzbischöflichen Kultes.
Das Schloss trägt heute eine Narbe, die zur Signatur wurde: nach dem Dreißigjährigen Krieg als Ruine belassen, erhielt es im 20. Jahrhundert ein kühnes zeitgenössisches Dach, das ein Kunstmuseum birgt. Man besucht also einen doppelten Ort, an dem der alte Stein mit der Architektur von heute spricht — und an dem man hinter diesen Mauern noch den Prunk eines Kirchenfürsten erahnt.
Geschichte
Im Mai 1484 legt Erzbischof Ernst von Sachsen den Grundstein seiner neuen Residenz und gibt ihr den Namen des heiligen Mauritius (Moritz). 1503 zieht er ein; der Bau wird über 150 000 Gulden gekostet haben. Doch der Ruhm des Ortes kommt von seinem Nachfolger, dem Kardinal Albrecht von Brandenburg (1490-1545). Glänzender und verschuldeter Fürst, Mäzen Cranachs und Dürers, macht Albrecht Halle zu einer Kunsthauptstadt und sammelt dort das Hallesche Heiltum, eine der gewaltigsten Reliquiensammlungen der Christenheit.
Hier kippt die Geschichte. Um seine Schulden und den Petersdom in Rom zu finanzieren, lässt Albrecht einen Ablass durch den Dominikaner Tetzel predigen. 1517 empört sich darüber ein Wittenberger Mönch, Martin Luther, und schlägt seine 95 Thesen an: Die Reformation ist geboren, faktisch gegen den Erzbischof von Halle gerichtet. 1541 wird die Stadt protestantisch; Albrecht muss fliehen und nimmt seinen Schatz mit. Die Moritzburg, ihrer Hofhaltung beraubt, verfällt, dann ruiniert sie der Dreißigjährige Krieg.
Vor diesem Sturz hatte Albrechts Hof Halle zu einem Kunstzentrum ersten Ranges gemacht: Die Besten wirkten hier, man häufte Gemälde, Reliquiare und Goldschmiedewerk in prunkvollem Geschmack. Der Kardinal träumte von einem neuen Stift, einem „neuen Rom" an der Saale. Die Reformation zerbrach dieses Vorhaben jäh: In wenigen Jahren räumte die reformierte Stadt die Altäre, und der Fürst musste anderswohin bringen, was er retten konnte. Die Moritzburg blieb, ein majestätisches Gerippe, Zeuge einer unterbrochenen Pracht — bis das 20. Jahrhundert ihr mit einem neuen, kühnen Dach ein Leben zurückgab, das ihre Erbauer nicht hätten ersinnen können. So verschränkt der Ort drei Zeiten: die wehrhafte Frühe, die kurze Blüte eines Renaissance-Fürsten und die Narbe der Reformation, über der heute wieder Kunst gezeigt wird.
Symbole und Geheimnisse
Die auf eine Festung gesetzten Renaissance-Giebel sprechen vom Wunsch eines Fürsten: zugleich mächtig und modern zu sein, verschanzt und verfeinert. Die Reliquiensammlung wiederum verkörpert die alte Frömmigkeit — eben jene, die Luther verwerfen sollte. So ist die Moritzburg Schauplatz eines Widerspruchs: Die Kunststätte eines Kardinals ist auch der Ausgangspunkt der Revolution, die seine Welt hinwegfegen sollte. Ihr zeitgenössisches Dach schließlich macht aus dem ruinierten Schloss ein Werk über die Ruine.
Warum dieser Ort zählt
Weil er an einem einzigen Ort die Pracht des späten Mittelalters, das Morgenrot der Renaissance und den Funken der Reformation vereint. Die Moritzburg ist nicht nur ein schönes befestigtes Schloss: Sie ist die Adresse, von der aus mittelbar eines der größten Beben der europäischen Geschichte ausging. Wenige Mauern tragen so viel Widerspruch: fürstlicher Kunstsinn und geistlicher Machtanspruch, Reliquienfrömmigkeit und reformatorischer Umsturz, Ruine und Wiedergeburt als Museum — alles an einem einzigen Ort über der Saale.

