Für den Silberbergmann von Annaberg ist dieser Altar ein Spiegel. Auf der Rückseite des Bergaltars von 1521 hat Hans Hesse die Handgriffe seines Gewerbes selbst gemalt: den Abbau in der Tiefe, das Erzwaschen, das Schmelzen — die Bergarbeit zum heiligen Bild erhoben, in einer aus dem Silber des Erzgebirges geborenen Kirche. Heben Sie den Blick zu den Schlingrippengewölben, von Jacob Haylmann gewölbt: eine große helle Halle, in der das Bergbürgertum sein Vermögen zeigt. Die Stadt wurde 1496 um die heilige Anna, Patronin der Bergleute, von einem erbitterten katholischen Herzog gegründet — der noch zu Lebzeiten seine Gründung zur Reformation übergehen sah.# Die St. Annenkirche in AnnabergMitten im silbernen Erzgebirge entsteht Annaberg in wenigen Jahren, um 1496, als man dort Silber findet. Die St. Annenkirche, von 1499 bis 1525 erbaut, ist das Denkmal dieses Fiebers: eine gewaltige helle Halle, in der eine Bergmannsstadt Gott und den Menschen ihren Reichtum zeigen wollte. Spätgotisch in ihren Gewölben, trägt sie in ihrer Ausstattung schon die ersten Formen der Renaissance in Sachsen.
Was man sehen sollte
Treten Sie ein und heben Sie den Kopf: Das Gewölbe entfaltet ein Netz von Rippen, die sich schlingen, verknoten und Sterne und Schleifen zeichnen. Es ist das Werk Jacob Haylmanns, geschult beim großen Benedikt Ried; der Stein spielt hier wie ein über den Raum geworfenes Netz. Darunter eine 65 Meter lange, 28 Meter hohe Halle, die einen Wald von Pfeilern mit Licht durchflutet.
Treten Sie an den Hochaltar: von Adolf und Hans Daucher aus Augsburg geschaffen und um 1522 vollendet, zeigt er eine „Wurzel Jesse" aus farbigem Marmor — den Stammbaum Christi — in einer frührenaissancehaften Sprache, so weit im Norden unerhört. Suchen Sie dann den Bergaltar, 1521 geweiht: Seine von Hans Hesse gemalte Rückseite zeigt die Bergleute, den Abbau, das Waschen und das Schmelzen des Silbers — eine absolute Seltenheit, das Arbeitsleben, in ein Retabel eingezogen.
Versäumen Sie nicht die Kanzel von Franz Maidburg auf einem Mittelpfeiler und die Emporen, über die rund hundert geschnitzte Tafeln laufen: Lebensalter, biblische Szenen, Jüngstes Gericht. Schließlich, an einer Wand, die Schöne Tür (1512), ein von Figuren wimmelndes Sandsteinportal, aus dem benachbarten Franziskanerkloster. Betrachten Sie auch die von Hans Witten aus dem Tuff des Zeisigwaldes gehauene, kelchförmige Taufe, 1556 vor dem Hochaltar aufgestellt: ein heimischer, poröser und heller Stein für das erste der Sakramente. Das Ganze bildet ein Dekor von seltener Dichte — Kanzel, Emporen, Altäre, Portal, Taufe, alle aus derselben Künstlergeneration, zwischen 1512 und 1525. Keine andere Bergstadt des Erzgebirges hat einen so vollständigen Zeugen ihres silbernen Aufstiegs bewahrt.
Geschichte
Annaberg ist eine aus Silber geborene Stadt. Herzog Georg der Bärtige, katholischer Fürst und Verehrer der heiligen Anna, gründet sie 1496, um den Bergrausch zu ordnen. Er will eine Kirche nach dem Maß des Ganges: 1499 begonnen, 1525 vollendet. Das Silber des Erzgebirges zahlt alles — und zieht die Besten an: Haylmann für die Architektur, die Daucher aus Augsburg und Hans Witten für die Bildhauerei, Hans Hesse für die Malerei.
Kaum ist die Kirche fertig, kippt die Welt. Die Reformation erfasst Sachsen; nach 1539 wird das albertinische Herzogtum lutherisch, und die katholische Kirche Georgs des Bärtigen geht zum protestantischen Gottesdienst über. Die Ausstattung aber bleibt: Man zerstört diese Meisterwerke nicht, man passt sie an. Die Schöne Tür, durch die Auflösung des Franziskanerklosters bedroht, wird 1577 abgebaut und in St. Annen wieder aufgebaut — gerettet durch den Umzug. Ein Stadtbrand zerstört 1604 die Glocken.
Symbole und Geheimnisse
Das Geheimnis Annabergs ist das zu Stein gewordene Silber. Der Bergaltar ist einzigartig: Nirgends sonst tritt der Schweiß der Bergleute so offen in ein Kirchenretabel. Die Knappschaft wollte sich bei der Arbeit sehen, unter dem Blick der Heiligen — Stolz eines Standes und Gebet. Und der farbige Marmor des Daucher-Hochaltars sagt noch etwas: dass eine silberreiche Gebirgsstadt sich das Neueste aus Augsburg und Italien leisten konnte. Die heilige Anna, Patronin der Bergleute, wacht über eine Gemeinschaft, die ihren Glauben mit ihrem Vermögen baute.
Warum das zählt
Weil Annaberg das Denkmal der sächsischen Bergbau-Renaissance ist: der Augenblick, da das Silber des Erzgebirges mit einem Schlag eine gotische Halle und die ersten italienischen Formen des Nordens finanziert. Es ist auch eine Schwellenkirche, katholisch geboren und lutherisch bestimmt, die den Schmuck von vor dem Bruch unversehrt bewahrt hat. Man liest hier, an einem einzigen Ort, Reichtum, Glauben und Arbeit einer Silberstadt an der Schwelle der neuen Zeit.

