Ein steinerner Greis beugt sich unter dem Wort. In dieser mächtigen romanischen Basilika des 12. Jahrhunderts setzte derselbe Michael Spieß 1607 eine Kanzel, auf der Moses, als Vollplastik gehauen, seinen Rücken beugt, um das Becken zu tragen, aus dem die Predigt fällt. Das Bild ist eine Theologie: das Alte Gesetz, das buchstäblich das neue Evangelium stützt. Ringsum Alabasterreliefs — eine Kreuzigung, die vier Evangelisten in Medaillons — und, kniend, ein Stifterpaar aus dem Bürgertum von Burg, zu Füßen des Wortes verewigt. Die Renaissance berührt hier nur ein Möbel; doch dieses Möbel sagt alles.# Die Unterkirche St. Nicolai in BurgIn derselben Stadt wie die Oberkirche bietet die Unterkirche St. Nicolai einen überraschenden Gegensatz: eine mächtige romanische Basilika des 12. Jahrhunderts, eine der größten Sachsen-Anhalts, die im 17. Jahrhundert ein Meisterwerk der Renaissance empfängt. Der Bildhauer Michael Spieß setzt hier 1607 eine von einem steinernen Mose getragene Kanzel — das alte Gesetz, das das neue Wort trägt.
Was man sehen sollte
Treten Sie zuerst in das Romanische. Die um 1162-1186 erbaute Kirche ist eine dreischiffige Basilika mit durchgehendem Querhaus, Chor und dreiteiliger Apsis, im Westen von zwei mächtigen Feldsteintürmen überragt. Die Mauern sind dick, die Bögen rund, das Licht spärlich: Man steht in einem steinernen Raum von archaischer Würde, seit dem 12. Jahrhundert fast unversehrt.
Dann suchen Sie die Kanzel von 1607, Werk des Michael Spieß. Sie bricht alles: Gegen die romanische Nacktheit steht die Fülle der Renaissance. Der Sandsteinkorb wird von einer vollplastischen Mose-Figur getragen — der Prophet des Alten Gesetzes trägt buchstäblich die Predigt des neuen. In drei Rundbogennischen zeigen Alabasterreliefs die Kreuzigung und ein kniendes Stifterpaar; darunter stellen Alabastermedaillons die vier Evangelisten dar. Ein Möbel für sich, mitten in einem vier Jahrhunderte älteren Schiff.
Ermessen Sie diesen Gegensatz: Die Kirche, einer der größten Steinbauten Sachsen-Anhalts, ist aus groben Granitquadern errichtet, dreischiffig mit durchgehendem Querhaus und einem zweitürmigen Westbau — eine romanische Architektur von erdrückender Strenge. Und in dieses Halbdunkel aus rohem Stein setzt sich plötzlich ein Möbel, ziseliert wie von einem Goldschmied, hell, fein, ganz neu. Nichts spricht deutlicher vom Lauf der Jahrhunderte als diese Begegnung eines romanischen Riesen und eines Renaissance-Juwels.
Geschichte
St. Nicolai ist eine der großen romanischen Kirchen der Region, Zeuge der Macht Burgs im Mittelalter. Ihre Architektur hat sich seit dem Ende des 12. Jahrhunderts kaum verändert. Was sich ändert, ist der Gebrauch: Mit der Reformation geht die Kirche zum lutherischen Gottesdienst über, und die Predigt wird zentral. Nun braucht es eine Kanzel, die dieser Rolle würdig ist.
Die Stadt wendet sich an den Bildhauer Michael Spieß, denselben, der zur gleichen Zeit die Oberkirche ausstattet. 1607 liefert er diese Kanzel aus Sandstein und Alabaster, in der sich die Kunst der Spätrenaissance ins Herz des Romanischen setzt. Das geschnitzte Stifterpaar erinnert daran, dass Bürger von Burg das Werk bezahlt — und ihr Bild darin hinterlassen wollten.
Symbole und Geheimnisse
Das Geheimnis der Kanzel liegt in ihrem Träger. Mose zum Träger des Korbes zu wählen, ist nicht beiläufig: Der Prophet des alten Gesetzes trägt auf seinen Schultern die Kanzel, von der das Evangelium fallen wird, das neue Gesetz. Die ganze lutherische Theologie vom Verhältnis zwischen Gesetz und Gnade ist in ein Bild gefasst: Der alte Bund trägt den neuen, bereitet ihn vor, tritt vor ihm zurück. Und das kniende Stifterpaar sagt die andere Wahrheit der Zeit: In der protestantischen Kirche hat der gewöhnliche Gläubige seinen Platz am Fuß des Wortes, nicht mehr hinter einen Lettner verbannt. Indem sie ihr Bildnis haben hauen lassen, haben die Stifter von Burg diesen Platz beansprucht: Sie wollten gesehen werden, kniend, aber gegenwärtig, an der Schwelle eben der Kanzel, von der das Evangelium fiel.
Warum das zählt
Weil St. Nicolai in einem Blick vier Jahrhunderte christlicher Geschichte inszeniert: die massive Romanik des 12. und die gelehrte Renaissance des 17. Jahrhunderts, das Schweigen des alten Steins und die Beredsamkeit des neuen Möbels. Spieß' von Mose getragene Kanzel ist eine der schönsten Norddeutschlands — und der Beweis, dass ein einziges, gut gedachtes Möbel aus einer alten Basilika eine Kirche der Reformation machen kann. So wird hier Baugeschichte zu Glaubensgeschichte: Der romanische Raum bleibt, doch sein Sinn verschiebt sich vom Altar zur Kanzel, vom Sakrament zum Wort.

