Auf der Terrasse des Hofgartens zieht der Gärtner die Obstbäume an die warme Mauer, und über das Spalier hinweg gleitet sein Blick über die Ebene bis zu den Alpen. Hinter ihm birgt der Festsaal der bayerischen Herzöge eine geschnitzte Holzdecke, eine der schönsten nördlich der Alpen. Vom großen vierflügeligen Schloss ließ das 19. Jahrhundert nur diesen Flügel übrig — doch es ist der der Decke und des Gartens.
Was man sehen sollte
Hier liegt das Wesentliche an einem einzigen Ort: im Festsaal des Südwestflügels. Richten Sie den Blick auf seine hölzerne Kassettendecke, geschaffen vom Münchner Hans Wisreutter zwischen 1564 und 1566: Sie ist eine der schönsten Renaissance-Decken nördlich der Alpen und der Grund, weshalb dieser Flügel überdauert hat. Treten Sie dann hinaus in den Hofgarten. Suchen Sie kein gewöhnliches Parterre: Der Garten ist terrassenförmig angelegt, gleichsam an den Hang gehängt, bot Spalierobst und vor allem einen weiten Blick über die Ebene, über München und am Horizont über die Alpenkette. Dieses Zusammenspiel eines großen Festsaals und eines bebauten Aussichtsgartens fasst die Lebenskunst der Wittelsbacher auf dem Lande zusammen. Der übrige Bau — die barock überformte Fassade — liest sich als jüngere Schicht über dem Renaissance-Kern.
Geschichte
Eine Burg besetzt den Schlossberg schon um 1100; der Ort fällt Ende des 12. Jahrhunderts an die Wittelsbacher. Die große Umgestaltung ist das Werk der Renaissance: Zwischen 1546 und 1577 lassen die Herzöge Wilhelm IV. und dann Albrecht V. die Residenz zu einem vierflügeligen Schloss umbauen, unter Mitwirkung von Architekten wie Heinrich Schöttl und Wilhelm Egkl. In diesem Rahmen entstehen der Festsaal und seine Decke von Hans Wisreutter (1564-1566). Der Terrassengarten wird in den folgenden Jahrzehnten geschaffen. In der Barockzeit, um 1715, gestaltet Joseph Effner die Westfassade und 1717 den Garten neu. Dann kommt der Bruch: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lässt König Maximilian I. Joseph drei der vier Flügel abbrechen, die durch die Einquartierung napoleonischer Truppen schwer beschädigt waren, da die Mittel zur Instandsetzung fehlten. Nur der Südwestflügel, der des Renaissance-Saals, bleibt stehen. Er beherbergt heute Konzerte (die Dachauer Schlosskonzerte), während der Hofgarten öffentlich zugänglich ist.
Symbole und Geheimnisse
Schloss Dachau spricht von der fürstlichen Lust am gelehrten Müßiggang. Fern der Hauptstadt, aber nicht zu fern, kamen die Wittelsbacher hierher zum Atemholen: Die Sommerresidenz war ein Ort gelassener Repräsentation, wo man in einem prächtigen Saal empfing und einen Aussichtsgarten pflegte. Die Kassettendecke ist nicht bloß Zier: Mit dem Reichtum ihrer geschnitzten Tischlerarbeit behauptet sie die Verfeinerung eines Hofes, der sich an den großen europäischen Residenzen misst. Der Terrassengarten, ein zu den Alpen gewandter „hängender Garten", verbindet das Nützliche — das Spalierobst — mit der Inszenierung der Landschaft. Im Verlorenen des Schlosses liest sich zugleich Geschichte: Der Abbruch des 19. Jahrhunderts erinnert daran, wie sehr die napoleonischen Kriege das fürstliche Erbe Bayerns erschüttert haben.
Warum dieser Ort zählt
Auch auf einen Flügel reduziert, bleibt Schloss Dachau ein Markstein der Renaissance in Bayern. Sein Festsaal gehört zu den bedeutenden Renaissance-Innenräumen nördlich der Alpen, und sein Terrassengarten zählt zu den bemerkenswerten gärtnerischen Schöpfungen der fürstlichen Sommerfrische. Der Ort lässt verstehen, wie die Wittelsbacher, große Bauherren Münchens, ihre Hofkunst bis in die Nebenresidenzen ausdehnten. Er bietet zudem eine Lektion im Lesen von Denkmälern: zu lernen, in einem einzigen Flügel und einem Garten den Schatten eines verschwundenen großen Schlosses zu sehen und den Wert des Geretteten zu ermessen.

