Stellen Sie sich an den Fuß des achteckigen Treppenturms und denken Sie sich den Blick seines Architekten, Nikolaus Gromann, auf dem Gipfel seiner Kunst. Der Mann, der die Torgauer Kapelle und das Schmalkaldener Schloss entwarf, schafft hier 1561-1564 sein vollendetstes profanes Werk: reliefgeschmückte Eckerker, drei Säulenportale, ein kuppelbekrönter Turm. Seltenes Detail: Die gesamte Bauplastik stammt aus einer einzigen Werkstatt, der Hermann Werners aus Gotha — daher jene Einheit der Hand, die das Ganze zum Klingen bringt. Altenburg ist die Residenz 1547 der Kur verlustig gegangener Herzöge; des Titels beraubt, behaupten sie ihren Rang durch den Stein.# Das Rathaus AltenburgSüdlich des Marktes von Altenburg entfaltet das Rathaus eine Renaissancefassade von bemerkenswerter Weite und Geschlossenheit, beherrscht von einem achteckigen Treppenturm und belebt von skulptierten Erkern. Von 1561 bis 1564 nach den Plänen Nikolaus Gromanns errichtet, des Meisters der thüringischen Renaissance, gilt es als eines der bedeutendsten Renaissance-Rathäuser Deutschlands.
Was man sehen sollte
Der Blick geht zuerst zum Treppenturm: achteckig, von einem geschwungenen Dach bekrönt, springt er aus der Fassade vor und beherrscht die ganze Komposition — die senkrechte Triebfeder eines im Übrigen waagerechten, regelmäßigen Baus. Treten Sie dann an die Eckerker heran: Ihre Reliefs vereinen biblische Szenen, Gestalten der sächsischen Herzöge und pausbäckige Putten, mit ganz italienischer Feinheit gehauen.
Zählen Sie die drei Rundbogenportale, von Säulen gerahmt, die das Erdgeschoss gliedern. All diese Skulptur — das ist ihr Geheimnis — stammt aus einer einzigen Werkstatt, der Hermann Werners aus Gotha: daher eine für die Zeit seltene Geschlossenheit des Stils. Im Untergeschoss bewahrt der Ratskeller seine Gewölbe auf Säulen. Die ganze Komposition spielt mit dem Gegensatz zwischen der ruhigen Waagerechten der drei Geschosse und dem senkrechten Schwung des Treppenturms — ein kluges Gleichgewicht, das das Ganze als ein aus einem Guss gedachtes Werk erscheinen lässt, nicht als eine im Lauf der Kampagnen angehäufte Masse.
Geschichte
Altenburg ist Residenz eines Zweiges der ernestinischen Herzöge von Sachsen — ebenjener, die 1547, nach der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes, die Kurwürde an die albertinische Linie verloren. Der Kurwürde beraubt, doch nicht des Ehrgeizes, behauptet das ernestinische Haus seine Größe durch Künste und Architektur.
In diesem Zusammenhang überträgt die Stadt ihr Rathaus Nikolaus Gromann (um 1500-1566), dem Hausarchitekten der thüringischen Fürsten, Schöpfer der Schlosskapelle Torgau und bald des Schlosses Wilhelmsburg in Schmalkalden. Der Bau, von 1561 bis 1564 unter der Leitung Caspar Böschels geführt, ist eines der Meisterwerke seiner Laufbahn. Der Bau dient bis heute als Sitz der Stadtverwaltung.
Gromann ist kein Unbekannter: Hausarchitekt der thüringischen Fürsten, hatte er die Schlosskapelle Torgau geschaffen — die als erste für den protestantischen Gottesdienst erbaute Kirche gilt — und wird bald das Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden errichten, einen der besterhaltenen Renaissancepaläste Deutschlands. In Altenburg gibt er in einem Bau von seltener Geschlossenheit sein ganzes Können. Die Stadt bleibt ein Herd der Reformation: Georg Spalatin, Rat Friedrichs des Weisen und politischer Arm Luthers, war hier Superintendent. Das Rathaus ist also zugleich das Werk eines großen Architekten und der Sitz einer Stadt, die, der Kurwürde beraubt, auf ihren Glanz hielt.
Symbole und Geheimnisse
Die auf den Erkern skulptierten sächsischen Herzöge stehen nicht zufällig da: In einer Residenzstadt zeigt das Rathaus das Fürstenhaus und mischt auf seiner Fassade das Heilige (biblische Szenen) und das Dynastische (Bildnisse der Herzöge). Das heißt, dass die Macht der Stadt und die des Fürsten zusammen gedacht werden.
Die einer einzigen Werkstatt anvertraute Einheit der Skulptur bezeugt einen Willen zu Ordnung und Pracht: Nichts bleibt dem Ungleichen überlassen. Das Rathaus wird zum Gesamtkunstwerk, Manifest einer kleinen Hauptstadt, die glänzen will. Dass biblische Szenen und herzogliche Bildnisse an denselben Erkern zusammentreffen, ist kein Zufall: In einer Residenzstadt denken sich die Macht der Bürger und die des Fürsten gemeinsam, und die Fassade des Rathauses trägt beide Ordnungen zugleich zur Schau — das Heilige und das Dynastische, Seite an Seite.
Warum dieses Monument zählt
Weil es die thüringische Renaissance und Gromanns Kunst auf ihren Gipfel führt und weil es zeigt, wie ein der Kurwürde verlustig gegangener Fürstenzweig sich im Stein eine Würde zurückbaut. Altenburg beweist, dass auch in Thüringen, fern der großen Höfe, die Renaissance bürgerliche Meisterwerke hervorgebracht hat.

