1488 bei Mainz geboren, war Sebastian Münster der große Kartograph der deutschen Renaissance. Seine „Cosmographia", 1544 in Basel erschienen, bot erstmals in deutscher Sprache eine illustrierte Beschreibung der ganzen Welt — ein so beliebtes Buch, dass es für ein Jahrhundert das Bild prägte, das Europa sich von sich selbst machte.
Was man sehen sollte
Münsters Werk blättert sich wie ein lebendiger Atlas. Die Cosmographia verbindet gestochene Karten, Stadtpanoramen, Trachten, Pflanzen, echte Tiere und sagenhafte Ungeheuer. Seine Ansichten von Köln, Mainz, Straßburg oder Basel zählen zu den ältesten detaillierten Darstellungen dieser Städte. Das Porträt, das Christoph Amberger um 1552 von ihm malte (heute in Berlin), zeigt ihn als müden Gelehrten, die Hand auf seinen Instrumenten: das Sinnbild des humanistischen Gelehrten.
Geschichte
Als Sohn eines Bauern aus Ingelheim trat Münster 1505 bei den Franziskanern ein und bildete sich in Heidelberg, Löwen und Tübingen, wo er Mathematik, Geographie und vor allem Hebräisch bei Konrad Pellikan lernte. Von der Reformation gewonnen, verließ er den Orden und ließ sich in Basel nieder, dem Zentrum des humanistischen Buchdrucks, wo er 1529 Professor für Hebräisch wurde. Dort edierte er die hebräische Bibel und gab 1540 eine erneuerte Ausgabe von Ptolemäus' Geographiaheraus. Sein Hauptwerk, dieCosmographia, erschien 1544: Frucht einer kollektiven Umfrage bei den Reichsstädten, hatte es durchschlagenden Erfolg und Dutzende Auflagen in mehreren Sprachen. Münster starb 1552 in Basel an der Pest.
Symbole und Geheimnisse
Die Cosmographia ist ein doppelgesichtiges Buch. Einerseits eine neue Wissenschaft: vermessene Karten, genaue Beschreibungen, der Wille, die Welt durch Beobachtung und Zeugnis zu erkennen. Andererseits ein zähes mittelalterliches Erbe: die von Monstervölkern bevölkerten Weltränder, die Wunder und Prodigien. Darin liegt der Reiz des Werks, an der Schwelle zweier Zeitalter. Als Hebraist legte Münster zudem eine Aufmerksamkeit für Sprachen und Völker hinein, die die Ethnographie vorwegnimmt. Sein Grabstein grüßte ihn als „Esra und Strabo der Deutschen".
Warum dieser Mann zählt
Münster gab dem deutschen Raum seinen ersten gedruckten Spiegel. Vor ihm hatten wenige ihre eigene Stadt oder ihr eigenes Land als Bild „gesehen"; mit ihm wird die Geographie zum Gemeingut, in der Volkssprache zugänglich. Im Rheinland geboren, im ganzen Reich ausgebildet, in Basel wirkend, verkörpert er jene Zirkulation des Wissens, die die Renaissance ausmacht. Sein Atlas bleibt eine der wichtigsten Bildquellen für das Deutschland des 16. Jahrhunderts.
