In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe vereinen zwei Tafeln Matthias Grünewalds eine Kreuzigung und eine Kreuztragung. Um 1523-1525 gemalt, unter den allerletzten Werken des Meisters, verdichten sie seine ganze Kraft: einen Christus mit zerrissenem Leib unter schwarzem Himmel, ohne ein Ornament, das den Schmerz milderte. Es ist einer der Gipfel der deutschen Renaissancemalerei.
Was man sehen sollte
Treten Sie an die Kreuzigung heran. Der Grund ist von absolutem Schwarz: Die Nacht senkt sich über Golgatha, wie es das Evangelium sagt. In der Mitte lastet der übergroße Leib Christi mit seinem ganzen Gewicht auf einem groben Kreuz aus rohem Holz. Die Haut ist grünlich, bedeckt von langen Schürfwunden und den Spitzen der Dornen; die Finger krümmen sich zum Himmel. Links bricht Maria zusammen, bleich, das Gesicht fast vom Leiden ausgelöscht; Johannes hält sie in seinen Armen.
Gehen Sie zur anderen Tafel, der Kreuztragung: Christus sinkt unter dem Holz zusammen, umgeben von Schergen mit harten Gesichtern. Nichts Zierendes, keine elegante Menge: Grünewald bündelt alles auf Last, Anstrengung, Grausamkeit. Beachten Sie das Licht, das aus keiner bestimmten Quelle kommt und aus den Körpern selbst zu dringen scheint.
Geschichte
Beide Bilder stammen aus Tauberbischofsheim, einer kleinen Stadt im nördlichen Baden. Sie waren auf Vorder- und Rückseite einer einzigen, fast zwei Meter hohen Holztafel gemalt: die Kreuzigung auf der einen, die Kreuztragung auf der anderen Seite — wohl die Flügel eines heute zerlegten Altars, dessen Ganzes man nicht mehr kennt.
Grünewald schafft sie am Ende seines Lebens, um 1523-1525, in jenen unruhigen Jahren, als die Reformation das Reich erschüttert und der den neuen Ideen nahestehende Maler nach und nach seine Aufträge verliert. 1883 sägte man bei einer ersten Restaurierung die Tafel entzwei, um beide Seiten zeigen zu können. Seit 1900 gehören die Werke dem Karlsruher Museum, das sie zu einem seiner Schätze gemacht hat.
Symbole und Geheimnisse
Grünewald kehrt der Tradition den Rücken, die den Gekreuzigten mit Heiligen, Engeln und Inschriften umgab. Hier ist alles weggenommen: Es bleibt nur das Wesentliche, der Körper und der Schmerz. Das leichenhafte Grün des Fleisches, die offenen Wunden, die Dornenkrone wie ein Dornbusch: Der Maler erzählt die Passion nicht, er macht sie bis zum Unbehagen fühlbar. Es ist eine zur Betrachtung geschaffene Malerei, damit der Gläubige, vor ihr stehend, das Opfer körperlich erlebe.
Geheimnis umgibt sogar den Urheber: Lange kannte man seinen wahren Namen nicht, Mathis Gothart Nithart, erst im 20. Jahrhundert wiedergefunden, und man verwechselte seine Werke gar mit denen Dürers.
Warum dieses Werk zählt
Weil es die andere Seite der deutschen Renaissance zeigt: nicht Vernunft und Maß, sondern bis zum Äußersten getriebenen Ausdruck. Grünewald bildete keine Schule, und das macht ihn einzigartig — ein Maler ohne Erben, dessen geistliche Wucht die Jahrhunderte durchquert hat. Vor dem Tauberbischofsheimer Altar versteht man, warum die Moderne, vom späten 19. Jahrhundert bis zu den Expressionisten, ihn als Bruder wiederentdeckt hat.

