1452 in Justingen geboren, lehrte Johannes Stöffler ab 1507 Mathematik und Astronomie an der Universität Tübingen. Als Hersteller von Himmelsgloben und Instrumenten und Verfasser weit verbreiteter Ephemeriden ist er vor allem dafür berühmt, für 1524 eine Sintflut angekündigt zu haben — die ausblieb.
Porträt
Lichtseite: ein geachteter Lehrer, eine Säule der mathematischen Astronomie seiner Zeit. Er bildete Philipp Melanchthon, den künftigen Reformator, und Sebastian Münster, den Verfasser der berühmten Cosmographia, aus; ihm wird die Konzeption der astronomischen Uhr am Tübinger Rathaus zugeschrieben, und seine Globen und Instrumente verbreiteten ein genaues Wissen vom Himmel. Seine Ephemeriden, Tafeln der Gestirnpositionen, waren im gelehrten Europa Standardwerke. Schattenseite: dieselbe Wissenschaft nährte eine Astrologie. Aus einer bemerkenswerten, im Zeichen der Fische erwarteten Planetenkonjunktion kündigte Stöffler für Februar 1524 eine große Sintflut an; die Angst verbreitete sich über ganz Europa, man baute sogar vorsorglich Archen — und das Jahr war im Gegenteil trocken. Der Fall bleibt ein Musterbeispiel für die in der Renaissance noch dünne Grenze zwischen Astronomie und Astrologie und für einen Gelehrten, dessen Autorität eine kollektive Furcht verstärkte.
Beiträge
Seine Ephemeriden und sein Unterricht machten Tübingen zu einem Herd mathematischer Astronomie. Diese Professur hatte eine entscheidende Nachwirkung: Zwei Generationen später prägte sie über Michael Mästlin noch Johannes Kepler, einen der Begründer der modernen Astronomie. Seine Globen und seine Schriften über Instrumentenbau und Komputistik galten lange als maßgeblich; auch an den gelehrten Debatten zur Kalenderreform, einer Hauptfrage seiner Zeit, war er beteiligt. Damit gehört Stöffler zur Generation von Humanisten, die die Mathematik in den Dienst der Weltbeschreibung stellten.
Einflüsse
Als Erbe der mittelalterlichen Astronomie und Komputistik erneuerte Stöffler diese durch Beobachtung und präzise Instrumente. Als Lehrer Melanchthons und Münsters bildete er eine Generation von Köpfen aus, die das Reich weit über die Astronomie hinaus prägen sollten. Vor allem aber eröffnet seine Professur die Tübinger Astronomenreihe, von Mästlin bis Kepler, einen der Leitfäden der kommenden wissenschaftlichen Revolution.
Warum er zählt
Stöffler verkörpert wie kaum ein anderer die Ambivalenz des Renaissancegelehrten, geteilt zwischen strenger Astronomie und volkstümlicher Astrologie. Sein Name bleibt ebenso der von ihm ermöglichten wissenschaftlichen Nachkommenschaft verbunden wie dem aufsehenerregenden Fall der ausgebliebenen Prophezeiung, die seinen Ruhm bis heute trägt. Wer ihn liest, versteht, wie ein und dieselbe Intelligenz im 16. Jahrhundert den Himmel genau vermessen und daraus kollektive Schrecken ziehen konnte.
