Geboren 1485 in Wollin in Pommern, gestorben 1558 in Wittenberg, war Johannes Bugenhagen — genannt „Doktor Pomeranus" — der große Organisator der Reformation. Wo Luther predigte und Melanchthon lehrte, baute er Institutionen : Gemeinden, Schulen, Armenkästen.
Das Wichtigste
Eine Reformation lebt nicht von Predigten allein ; sie braucht Strukturen. Bugenhagen war der Mann, der sie entwarf. Als Pfarrer der Wittenberger Stadtkirche, der Mutterkirche der Bewegung, war er Luthers Seelsorger, Beichtvater und Freund. Doch sein Wirken strahlte weit darüber hinaus : von einer Stadt nach der anderen gerufen, verfasste er Kirchenordnungen, wahre Verfassungen, die Liturgie, Pfarrerbestellung, Schule und Armenfürsorge regelten. Braunschweig, Hamburg, Lübeck, Pommern und schließlich das Königreich Dänemark übernahmen seine Vorbilder. Jede dieser Ordnungen war den örtlichen Gepflogenheiten angepasst, oft auf Niederdeutsch verfasst, um allen verständlich zu sein, und als geschlossenes Ganzes gedacht : Liturgie, Ordnung der Geistlichkeit, Schule, Armenhilfe. So erfand Bugenhagen ein wahrhaft exportierbares Modell der reformierten Landeskirche, das Städte und Fürstentümer nur noch abzuwandeln brauchten.
Werdegang
In seiner pommerschen Heimat ausgebildet, lehrt Bugenhagen und leitet eine Schule, ehe ihn 1520 die Lektüre Luthers bekehrt. Er geht nach Wittenberg, besucht die Vorlesungen, heiratet und wird 1523 Stadtpfarrer. Über dreißig Jahre bekleidet er dieses Amt, den Angelpunkt des reformierten Gemeindelebens. Immer wieder entsendet man ihn, um die neue Kirche einzurichten : er verbringt Jahre außerhalb Wittenbergs, 1528-1529 in den Hansestädten, dann 1537-1539 in Dänemark, wo er den König krönt und die dänische Kirche vollständig neu ordnet. Als Mitarbeiter an der Bibelübersetzung achtet er besonders auf die niederdeutsche Ausgabe, die Sprache des Nordens. 1558 stirbt er in Wittenberg, mit Melanchthon der letzte Überlebende des Gründerkreises.
Was er verändert hat
Bugenhagens Erbe ist institutionell und sozial. Seine Ordnungen machten öffentliche Schule und organisierte Armenfürsorge zu Pflichten der reformierten christlichen Gemeinschaft : jede Stadt mit einer Kirchenordnung besaß zugleich den Keim eines Schul- und Sozialsystems. Diese Verbindung von Reformation, Bildung und Solidarität prägte Norddeutschland und Skandinavien dauerhaft. Mit der Neuordnung der dänischen Kirche half er, das Luthertum im gesamten Norden Europas zur Staatsreligion zu machen.
Warum er heute zählt
Wittenberg, wo er fünfunddreißig Jahre predigte, bewahrt sein Andenken in der Stadtkirche St. Marien, dem Herzen der Reformation. Bugenhagen zeigt, dass sich religiöse Umbrüche auch im Detail von Ordnungen, Schulbudgets und Hilfskassen entscheiden. Als weniger berühmte Gestalt denn Luther oder Melanchthon war er dennoch einer der wahren Baumeister der protestantischen Welt, und sein Einfluss reicht bis heute von den Ufern der Ostsee bis ins lutherische Skandinavien. Man ermisst heute kaum das Ausmaß der Aufgabe, die er vollbrachte : die Organisation einer Kirche musste vollständig neu erfunden werden, ohne Vorbild, unter dem Druck der Ereignisse. Dass Volksschulen und Armenfürsorge darin als gemeinschaftliche Pflichten verankert wurden, gehört zu den dauerhaftesten sozialen Folgen der Reformation — und das verdankt man großenteils diesem unauffälligen pommerschen Pfarrer. In Wittenberg bleibt die Kanzel der Stadtkirche, von der er jahrzehntelang predigte, ein zentraler Ort des reformatorischen Gedächtnisses, ebenso wie sein in der Kirche bewahrtes Epitaph. Dass ausgerechnet ein zugewanderter Pommer zum Pfarrer der Mutterkirche der Reformation wurde, zeigt, wie sehr Wittenberg in jenen Jahren ein europäischer Anziehungspunkt war, an dem Begabungen aus allen Landschaften zusammenkamen. Bugenhagen verkörpert die zweite, aufbauende Welle der Reformatoren : nicht mehr die der ersten Thesen und Streitschriften, sondern die der geduldigen Organisatoren, die aus einer Protestbewegung tragfähige Einrichtungen machten. Seine Kirchenordnungen gelten bis heute als Muster dafür, wie sich religiöse Überzeugung in dauerhafte gesellschaftliche Formen übersetzen lässt. Von den Hansestädten bis nach Dänemark trägt die Organisation ganzer Kirchen seine Handschrift, und mit ihr die Verpflichtung zu Schule und Armenfürsorge. Als Luthers Seelsorger und Freund stand er zugleich im innersten Kreis der Reformation und wirkte doch vor allem als ihr geduldiger Baumeister im Hintergrund.
