Der Ulmer Schreiner und Bildschnitzer (um 1425-1491) ist vor allem für das Chorgestühl des Ulmer Münsters bekannt, 1469-1474 ausgeführt. Als Übergangsgestalt steht er knapp vor der Schwelle unserer Periode, kündigt aber den Geist der schwäbischen Renaissance an.
Porträt
Lichtseite: ein Virtuose des Holzes. Das Chorgestühl des Ulmer Münsters, sein Meisterwerk, reiht eine außergewöhnliche Galerie geschnitzter Büsten auf: antike Philosophen und Dichter, Sibyllen, Propheten und biblische Gestalten antworten einander. Dieses Programm, das antike Weisheit und christliche Offenbarung nebeneinanderstellt, bezeugt den Einzug humanistischer Bildung in die schwäbische Kirchenkunst — die gelehrte Idee einer universalen Weisheit, getragen von einem Handwerk von seltener Feinheit in der Gestaltung der Gesichter und Hände. Grenzfall: das Hauptwerk (1469-1474) liegt vor der Grenze unserer Periode (1480), und der Künstler starb 1491; er wird hier als Übergangsgestalt geführt, um den Boden zu verstehen, aus dem die Ulmer Renaissance hervorging, die später von Malern wie Zeitblom und Bildhauern wie Daniel Mauch getragen wurde.
Beiträge
Das Ulmer Gestühl zählt zu den Höhepunkten der geschnitzten Schreinerkunst im Reich. Die Werkstatt Syrlin, auf mehreren Baustellen der Stadt tätig, prägte die örtliche Kunst nachhaltig und machte Schule, sodass ein Syrlin der Jüngere die Familientätigkeit fortsetzte. Das Ulmer Gestühl ist nicht nur ein liturgisches Möbel: Es bildet ein regelrechtes geistiges Programm, in dem Antike und Bibel einander gegenüberstehen und das in Holz geschnitzte Bildnis eine neue Wahrhaftigkeit erreicht. In manchen Büsten glaubte man lange Selbstbildnisse des Künstlers zu erkennen — ein Zeichen für das Gewicht, das er seinem Handwerk beimaß.
Einflüsse
An der Spitze einer Werkstatt, die mit anderen am Schmuck des Ulmer Münsters arbeitete, im Herzen des künstlerischen Aufschwungs der großen Freien Stadt, nahm Syrlin die Tradition der schwäbischen Bildschnitzerei auf und führte in sie das gelehrte Repertoire des Humanismus ein. Durch die Qualität seiner Arbeit bereitete er den Boden, auf dem nach ihm die Maler und Bildhauer der Ulmer Schule gediehen; sein Name eröffnet gewissermaßen die Geschichte der Renaissance in der Stadt.
Warum er zählt
Syrlin ist die Schwelle: Sein Werk, kurz vor der Periode entstanden, kündigt deren Geist bereits an, indem es antike Weisheit und den Sinn für das wahre Bildnis in die Kirchenkunst einführt. Die Ulmer Renaissance, die Zeitbloms und Mauchs, zu verstehen setzt voraus, von ihm auszugehen. Darum verdient er hier trotz der vor 1480 liegenden Datierung seines Gestühls seinen Platz als Übergangsgestalt, als jener, durch den die Stadt in die neue Zeit eintritt.
