Als Stadtbaumeister Augsburgs gab Elias Holl seiner Stadt an der Schwelle zum Dreißigjährigen Krieg ein monumentales, klassisches Gesicht. Sein Rathaus, der größte profane Renaissancebau Deutschlands, bleibt das Meisterwerk der bürgerlichen Architektur des Reichs.
Was man sehen sollte
Das Augsburger Rathaus (1615-1620) ist sein Hauptwerk: eine symmetrische Fassade, gekrönt von zwei Zwillingstürmen und einem hohen Giebel, überragt vom vergoldeten Pinienzapfen, dem Wahrzeichen der Stadt. Im Innern ist der Goldene Saal, ein weiter Prunksaal mit vergoldeter Decke und Fresken, einer der schönsten profanen Räume der Renaissance. Ganz in der Nähe der Perlachturm, den er aufstockte (1614-1616), um ihn zum Aussichtsturm zu machen, und das Zeughaus (1602-1607), sein erster großer Bau, mit manieristischer, von einer Bronze des Hans Reichle geschmückter Fassade. Beachten Sie die Klarheit der Baukörper und die Schlichtheit der Fassaden, sehr italienisch, die sich von der dekorativen Fülle des älteren deutschen Geschmacks abheben: Bei Holl ist es die Proportion, nicht das Ornament, das die Schönheit ausmacht.
Geschichte
1573 in Augsburg in einer Maurerfamilie geboren, erlernt Elias Holl das Handwerk bei seinem Vater und den Handwerkern der Stadt. Ein Aufenthalt in Venedig um 1600-1601 konfrontiert ihn unmittelbar mit der italienischen Architektur und der Klarheit der großen Meister. 1602 zum Stadtwerkmeister ernannt, entfaltet er fast drei Jahrzehnte lang eine intensive Tätigkeit und versieht Augsburg mit öffentlichen Bauten, Stadttoren, Hallen, Brunnen und Schulen, wobei er ein genaues Tagebuch über seine Bauten und Honorare führt. Als Protestant gerät er in die konfessionellen Spannungen des Dreißigjährigen Krieges: 1630 bei einem Wiedererstarken der katholischen Partei seines Amtes enthoben, kurz wiedereingesetzt, dann endgültig entlassen. 1646 stirbt er in einer von Krieg und Pest verarmten und entvölkerten Stadt. Sein erhaltenes Tagebuch dokumentiert seine Laufbahn mit einer für einen Architekten der Zeit seltenen Genauigkeit.
Symbole und Geheimnisse
Holls Rathaus ist ein Manifest des bürgerlichen Stolzes: In einer Freien Reichsstadt muss das Gebäude des Rates an Majestät mit den Palästen der Fürsten wetteifern und die Autonomie des Bürgertums behaupten. Der mit allegorischen Fresken geschmückte Goldene Saal, der Weisheit, Gerechtigkeit und gute Regierung feiert, setzt die Tugenden ins Bild, die sich die Stadt zuerkennt. Die Wahl eines schlichten, italienisch gezeichneten Stils bekräftigt eine Modernität und sittliche Strenge, die der protestantischen Kultur eines Teils der Stadt entsprechen. Holls Schicksal, um seines Glaubens willen abgesetzt eben in dem Augenblick, in dem sein Meisterwerk vollendet ist, erinnert daran, dass die Architektur selbst in die religiösen Kämpfe des Jahrhunderts verwickelt ist und dass ein Bau der Eintracht in einer geteilten Stadt entstehen kann.
Warum dieser Ort zählt
Elias Holl verkörpert den Höhepunkt und das Ende der Profanrenaissance in Süddeutschland, kurz bevor der Dreißigjährige Krieg das Land für eine Generation verwüstet und den Bauschwung der Städte jäh unterbricht. Sein Rathaus, im 20. Jahrhundert schwer beschädigt und dann wiederhergestellt, bleibt das Symbol Augsburgs und einer der schönsten öffentlichen Bauten des Reichs, an seinen Zwillingstürmen sofort erkennbar. Durch ihn übernimmt die deutsche Architektur die klassische Klarheit Italiens und passt sie zugleich dem Stolz und den Bedürfnissen der Freien Städte an und erfindet so eine eigene profane Sprache. Er ist der große Baumeister der letzten Renaissance-Generation, und sein Tagebuch macht ihn auch zu einem der ersten Architekten, dessen Denken und Handwerk wir genau kennen.
Dass sein Meisterwerk die Bomben des 20. Jahrhunderts überstand und seine Vergoldung zurückgewann, macht das Augsburger Rathaus zu einem doppelten Symbol: dem der deutschen Profanrenaissance und dem des Willens einer Stadt, aus ihren Trümmern wiederzuerstehen. Elias Holl bleibt darin bei jedem Blick zu seinen beiden Türmen gegenwärtig, als Baumeister einer bürgerlichen Pracht, die den Krieg überdauerte.
