Schließen Sie die Augen und denken Sie sich den ersten Chor. In Torgau wirkte Johann Walter, der Musiker, der mit Luther den lutherischen Choral erfand — jene deutschen Gesänge, in denen die ganze Gemeinde ihren Glauben singt. Die Pfarrkirche, eine die Stadt samt Schloss Hartenfels überragende Halle, war eine der Wiegen der protestantischen Musik. Sie bewahrt auch das Gedächtnis einer Frau: Katharina von Bora, Luthers Witwe, 1552 in Torgau gestorben, ruht hier unter einer Platte, die sie lebensgroß zeigt, nicht als Heilige, sondern als Lesende, ihr Buch aufgeschlagen — ein ganz neues Bild frommer Laienbildung.# Die Stadtkirche St. Marien in TorgauMit dem Schloss Hartenfels zeichnet die Stadtkirche St. Marien die Silhouette Torgaus, der Residenzstadt, in der sich hinter den Kulissen die Reformation entschied. Diese gotische Halle ist kein Meisterwerk der Renaissance-Architektur; ihre Größe liegt anderswo. Hier ruht Katharina von Bora, die Frau Luthers, unter einer Platte, die sie zeigt, das Buch in der Hand, als schlichte Frau des Glaubens.
Was man sehen sollte
Die Kirche ist eine dreischiffige gotische Halle, ab 1390 an einen älteren romanischen Westbau errichtet. Der Raum ist weit, hell, ohne Prunk — eine Stadtkirche nach dem Maß einer Kurfürstenstadt.
Suchen Sie den Grabstein der Katharina von Bora. Man sieht die Witwe Luthers lebensgroß, in Witwentracht, die Bibel lesend: ein erstaunlich modernes Bild, das einer weltlichen, gebildeten Frau, nicht einer Heiligen. Es ist eines der ergreifendsten Denkmäler der ganzen Reformation. Nicht weit davon ehrt eine Bronzeplatte Sophie von Mecklenburg, und mehrere Epitaphe von Honoratioren säumen die Wände.
Versäumen Sie nicht das Bild Lucas Cranachs des Älteren, „Die vierzehn Nothelfer" (1507), vor der Reformation entstanden: ein Überrest der alten Frömmigkeit, bewahrt in der Kirche, die zu einem hohen Ort des Protestantismus werden sollte. Nehmen Sie sich auch Zeit, die Wände zu lesen: Die Epitaphe der Torgauer Familien bilden eine Galerie des Bürgertums einer Residenzstadt, im Lauf des 16. Jahrhunderts in Stein gefasst. Die nach 1390 an einen älteren romanischen Westbau errichtete Kirche mischt so die Schichten — Romanik, Gotik, Renaissance — in einem Schiff, ohne Prunk, doch voller Erinnerung.
Geschichte
Torgau ist die zweite Residenz der sächsischen Kurfürsten; das nahe Schloss Hartenfels birgt die erste für den protestantischen Gottesdienst erbaute Kapelle (1544), die Luther selbst weiht. Die Stadt ist ein politischer und musikalischer Herd der Reformation: Johann Walter, der „erste Kantor des Protestantismus", begründet hier den lutherischen Choral.
Hier schließt sich eine große Geschichte. 1552 vertreiben Pest und Wirren Katharina von Bora, seit 1546 Witwe Luthers, aus Wittenberg. Auf dem Weg nach Torgau verunglückt sie mit dem Wagen; verletzt stirbt sie in einem Haus der Stadt. Man bestattet sie in der Stadtkirche St. Marien und errichtet dort ihr Epitaph. Die Frau, die durch die Heirat mit einem Mönch den protestantischen Pfarrhaushalt verkörpert hatte, ruht so fern von Wittenberg, in der Zufluchtsstadt der Kurfürsten. Torgau war kein beliebiger Zufluchtsort: Hier hatte Johann Walter, ein Vertrauter Luthers, den deutschsprachigen Chorgesang ausgearbeitet und die Stadt zur Wiege der lutherischen Musik gemacht. Katharina starb also in der Stadt, in der die Reformation ebenso ihre Stimme wie ihren Schutz gefunden hatte.
Symbole und Geheimnisse
Die ganze Neuheit der Reformation liegt in dieser Platte. Katharina ist nicht als Beterin oder Heilige dargestellt, sondern lesend: Das offene Buch ist die nun allen zugängliche Bibel und die neue Würde einer Frau des Glaubens, Ehefrau und Mutter. Um sie herum erinnert Cranachs Bild von 1507 im Gegensatz an die Welt von vorher — an die Nothelfer, die man gegen die Übel anrief. An einem Ort stehen alte Frömmigkeit und neue Andacht einander gegenüber.
Warum das zählt
Weil Torgau die Stadt ist, in der die Reformation den Alltag lebte: Residenz der Fürsten, die sie schützten, Wiege ihres Gesangs, Grab der Frau, die ihr häusliches Gesicht war. Die Stadtkirche St. Marien beeindruckt nicht durch Architektur, aber sie bewahrt eine der innigsten Erinnerungen des Jahrhunderts: eine Witwe, ein Buch, ein Stein. Neben den großen Denkmälern der Reformation in Wittenberg, laut und berühmt, hält Torgau das stille, häusliche Gegenstück bereit — nicht den Mann, der die Kirche spaltete, sondern die Frau, die an seiner Seite ein neues Lebensmodell verkörperte. Darin liegt die eigene, leise Größe dieses Ortes, der weniger durch Pracht als durch Nähe ergreift.

